Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Wer ist Alan Watts?

Quelle: The Book: On the Taboo Against Knowing Who You Are (1966) · 22 Vorträge und Podcasts (1960er–1970er)

Alan Watts als Blaupausen-Portrait mit Yin-Yang und Zitat über Wandel – Zen-Philosoph und Übersetzer östlicher Philosophie für westliche Leser

Alan Watts (1915–1973) war Brite, ordinierter Priester, Zen-Enthusiast – und der vielleicht begabteste Übersetzer östlicher Philosophie ins westliche Denken. Er schrieb keine Abhandlungen. Er hielt Vorträge, die so formuliert waren, dass man mitten im Lachen bemerkt, dass der Boden weggefallen ist. Sein Kernprojekt: Das Grundgefühl benennen, das er skin-encapsulated ego nennt – die westliche Überzeugung, ein isoliertes Bewusstsein in einem Hautsack zu sein, das von außen auf eine fremde Welt schaut.

Watts' Argument ist schlicht: Das Ich ist keine biologische Tatsache. Es ist eine Konvention – wie der Äquator. Nützlich für Landkarten, aber keine Grenze in der Wirklichkeit. Sein Bild dafür ist der Strudel: eine erkennbare Form, eine Identität – aber das Wasser fließt ständig hindurch. Das Ich ist kein Ding. Es ist ein Prozess.

"You are an aperture through which the universe is looking at and exploring itself."

Spotlight, Floodlight und die organische Intelligenz

Watts unterscheidet zwei Bewusstseinsmodi. Das Spotlight-Bewusstsein ist das, was wir für Denken halten: schmal, linear, sprachbasiert, ein Ding nach dem anderen. Das Floodlight-Bewusstsein ist alles andere – der Organismus, der das Herz schlägt, die Augen öffnet, Millionen parallele Prozesse reguliert, ohne dass das Ich weiß, wie. Watts nennt das organische Intelligenz: Das Gehirn, das das alles möglich macht, versteht kein Mensch, auch kein Neurologe. Es ist, sagt Watts, wesentlich intelligenter als das Ich. Wir können beschreiben, was wir tun. Wie wir es tun, entzieht sich dem Spotlight vollständig – als wolle man den Ozean mit einem Bierglas ausschöpfen.

Diese Beobachtung hat Tor Nørretranders drei Jahrzehnte später neurowissenschaftlich vermessen: Das Bewusstsein verarbeitet 40 Bit pro Sekunde, der Organismus darunter 11 Millionen. Watts hat dasselbe als gelebte Erfahrung beschrieben – ohne Messung, nur mit dem Hinweis, dass wir unsere eigene Intelligenz systematisch unterschätzen, weil wir das Spotlight für das Ganze halten.

Sean Kollak fotografiert sich in einem runden Spiegel – rekursive Spiegelung mit Smartphone: KI als Spiegel des Selbst
Wenn die KI nur zurückwirft, was man einbringt – wessen Konstruktion schaut dann zurück?

Die Speisekarte statt das Essen

Wenn das Ich nur eine Konvention ist, gilt das für alle Konstrukte, die daraus entstehen. Das Ego-Konzept ist nicht der lebendige Organismus – es ist eine Beschreibung davon, eine nützliche Vereinfachung. Dasselbe gilt für Geld, das kein Reichtum ist. Für Noten, die kein Wissen sind. Für Karriere, die kein Leben ist. Watts nennt das die Fallacy of Misplaced Concreteness: Wir fressen die Speisekarte statt das Essen – und halten uns dann für satt.

Was Yuval Noah Harari als intersubjektive Realitäten beschreibt – kollektive Fiktionen, die funktionieren, weil alle daran glauben: Geld, Nationen, Unternehmen – beschreibt Watts aus einer anderen Richtung. Harari erklärt den evolutionären Vorteil dieser Konstruktionen: Ohne gemeinsame Fiktionen keine Kooperation im großen Maßstab. Watts fragt nach dem Preis: Was passiert, wenn man vergisst, dass es Konstruktionen sind? Das Spiel ist nicht das Problem. Das Vergessen ist das Problem.

Was ich bei Watts gefunden habe

Watts beschreibt mehrfach den Moment, in dem das Spotlight zurücktritt und das Floodlight übernimmt – wenn der Organismus handelt, bevor das Ich bemerkt, dass es handelt. Im besten kreativen Schreiben kenne ich das: Der Text kommt fast von alleine, das Ich ist Zeuge, nicht Autor. Watts nennt es nicht Kontrollverlust. Er nennt es das Normalste der Welt – den Zustand, aus dem das Spotlight uns herausgezogen hat.

Was mich dabei beschäftigt, ist die Konsequenz für die Arbeit mit KI. Wenn das Ich eine Konvention ist – und KI zurückwirft, was man einbringt – ist die Frage nicht nur: Bestätigt die Maschine meine Überzeugungen? Die Frage ist: Wessen Konstruktion wird hier gespiegelt? Und wer entscheidet, ob das Echo stimmt?

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