Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Wer ist Arthur Schopenhauer?

Quelle: Die Welt als Wille und Vorstellung (1818/1844) · Parerga und Paralipomena (1851) · Über die Grundlage der Moral (1840)

Arthur Schopenhauer als Blaupausen-Portrait – Philosoph des Willens, des Veto-Moments und der Stille jenseits des Begehrens – Johann Schäfer, Public domain, via Wikimedia Commons

Arthur Schopenhauer (1788–1860) hat die Vernunftphilosophie seiner Zeit nicht widerlegt – er hat sie ignoriert. Hegel baute Systeme. Schopenhauer stellte fest: Das alles setzt voraus, dass der Mensch primär ein vernünftiges Wesen ist. Das ist er nicht. Was ihn antreibt, liegt tiefer – dunkler, blinder, unersättlicher. Schopenhauer nennt es den Willen. Und er meint damit nicht den bewussten Entschluss. Er meint das Ding-an-sich: die Kraft, die sich im Körper zeigt, bevor wir darüber nachdenken können.

Kant hatte gesagt: Das Ding-an-sich ist unerkennbar. Schopenhauer antwortete: Es gibt einen Zugang. Den Körper. Wir erleben uns nicht nur als Erscheinung im Raum – wir erleben uns als Wille. Der Arm hebt sich nicht, weil ich entscheide. Er hebt sich, weil ich ihn heben will. Der Wille ist das Ding-an-sich, unmittelbar erlebt. Und dieser Wille ist nicht vernünftig. Er ist blind, richtungslos, unersättlich. Er will nicht dieses oder jenes – er will immer weiter. Stillung ist nur kurze Pause vor dem nächsten Begehren.

Freiheit als Verneinung

Schopenhauers Antwort auf die Freiheitsfrage ist radikal: Freiheit liegt nicht im einzelnen Akt – nicht im „Ich entscheide mich jetzt". Sie liegt in der Möglichkeit, das gesamte Begehren zu erkennen und zu verneinen. Askese, Mitleid, Kontemplation – Schopenhauer nennt sie Quietive: Wege, in denen der Wille kurz schweigt. Das ist kein Moment, das ist eine Haltung.

Precht zieht von dort eine Brücke zu Benjamin Libet, der neurophysiologisch zeigt: Das Bereitschaftspotenzial entsteht 300–500ms vor dem bewussten Entschluss. Die Handlung hat schon begonnen, bevor wir sie „wollen". Aus diesem Befund destilliert Precht das, was ich als die präziseste Formulierung kenne: „Der Wille ist unfrei, aber der Unwille ist frei." Das Veto – das kurze Stopp – gehört zu Libet. Die Diagnose, aus der es folgt, gehört zu Schopenhauer.

Der innere Lärm: ausgedachte Andere

Was mich an Schopenhauer am stärksten beschäftigt, steht zwischen seinen Zeilen: das Bild des Menschen als Schauplatz widerstreitender Willensimpulse. Nicht ein einheitlicher Wille, der eine Richtung hat – sondern mehrere, die sich gegenseitig lähmen. Und ein besonderer Modus dieses Lärms: Wir führen innere Debatten mit Abwesenden. Der Gegner, die Kritikerin, der bewunderte Lehrer – sie sitzen im Inneren und reden mit, ohne je gefragt worden zu sein. Repräsentationen, keine Personen. Stimmen, die wir uns selbst ausgedacht haben.

Das ist Schopenhauers widerstreitender Wille – aber mit einer Präzisierung: Es ist nicht nur der Wille gegen sich selbst. Es ist die Vorstellungskraft, die sich gegen die Stille wendet. Die ausgedachten Anderen sind dieselbe kreative Fähigkeit, die in einem guten Gespräch Sätze erfindet, noch bevor man weiß, was man denkt – nur in die falsche Richtung gelenkt. Eine unerwünschte Improvisation. In meinem Essay Der unerwünschte Improvisator habe ich das ausgearbeitet.

Sean Kollak sitzt im Lotussitz mit geschlossenen Augen, ruhig und still – umgeben von einem expressionistischen Chaos aus verzerrten Gesichtern und leeren Sprechblasen: die ausgedachten Anderen
Die ausgedachten Anderen: dieselbe kreative Fähigkeit, die Sätze erfindet, bevor der Verstand folgt – nur in die falsche Richtung gelenkt.

Wo ich Schopenhauer verlasse

Schopenhauer endet im Pessimismus. Der Wille ist Leiden, die Antwort ist Verneinung – am konsequentesten das buddhistische Nirwana, das er als tiefstes Quietiv beschreibt. Ich teile die Diagnose. Ich teile die Konsequenz nicht.

Was ich erfahre, ist nicht: Der Wille muss zum Schweigen gebracht werden. Sondern: Im Moment des Innehaltens öffnet sich eine neue Richtung, die vorher nicht da war. Prigogine nennt das Bifurkation – im Punkt des Innehaltens eines Systems öffnet sich eine neue Bahn. Das Veto ist nicht nur das Stopp. Es ist der Moment, in dem eine Entscheidung entsteht, die ohne das Innehalten nicht möglich gewesen wäre. Schopenhauer beschreibt die Schwerkraft. Was ich erlebe, ist die Bifurkation darin.

Das verbindet sich auf überraschende Weise mit Nietzsche – Schopenhauers bekanntestem Schüler, der ihn dann überwindet. Schopenhauer: Der Wille ist Leiden, verneine ihn. Nietzsche: Der Wille ist Schöpfung, sage Ja. Dieselbe Diagnose, entgegengesetzte Konsequenz. Ich stehe nicht zwischen beiden – ich halte die Spannung für produktiv. Der Pessimismus bleibt als diagnostischer Blick. Die Bifurkation als Antwort.

Sean Kollak steht am Fenster im Regen und schaut hinaus – seine Spiegelung im Glas blickt zurück. Zwei Präsenzen, eine Frage: Wer ist da?
Das Veto ist nicht nur das Stopp – es ist der Moment, in dem jemand da ist, der sich umdrehen kann.

Was ich bei Schopenhauer gefunden habe

Eine Sprache für etwas, das ich schon kannte. Dass mein Verstand handelt, bevor ich denke. Dass ich von Stimmen regiert werde, die ich selbst erschaffen habe. Und dass die Freiheit nicht darin liegt, das abzustellen – sondern darin, im entscheidenden Moment innehalten zu können. Kurz. Einen Moment lang.

Schopenhauer ist der erste europäische Philosoph, der die östliche Philosophie ernsthaft rezipiert – Upanishaden, Buddhismus. Darin liegt seine eigentliche Relevanz für mich: nicht als Pessimist, sondern als Scharnier. Zwischen Kant und Nietzsche, zwischen westlichem Rationalismus und dem, was der Körper schon immer wusste. Das ist die Verbindung, die ich suche: Buddhismus und Existentialismus zusammenzudenken. Nicht als Eklektizismus – als Antwort auf dasselbe Problem. Wie lebt man ohne externen Navigator und bleibt trotzdem gegenwärtig?

Schopenhauer hat mir den Ausgangspunkt gegeben: Der Wille ist da, bevor ich bin. Und trotzdem bin ich derjenige, der innehält.

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