Samira El Ouassil und Friedemann Karig sind deutsche Journalist:innen. Ihr 2021 erschienenes Buch "Erzählende Affen – Mythen, Lügen, Utopien" stellt eine These auf, die so schlicht klingt, dass man leicht vergisst, wie weit sie trägt: Der Mensch ist kein rationales Tier. Er ist ein narratives Tier – homo narrans. Nicht Logik, sondern Geschichte ist das Betriebssystem sozialer Wirklichkeit.
El Ouassil und Karig schreiben nicht als Philosophen, die Definitionen schärfen. Sie schreiben als Journalist:innen, die beobachten, was Menschen wirklich tun – in Medien, Politik, Unternehmenskulturen, sozialen Medien. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Mythen, Lügen, Utopien. Was sich wie eine moralische Ordnung liest, ist tatsächlich eine Phänomenologie des Erzählens: drei verschiedene Aggregatzustände desselben Mechanismus.
Plausibilität schlägt Faktizität
El Ouassil und Karig stützen sich auf Walter Fishers Theorie der "Narrative Rationality": Menschen bewerten Aussagen nicht primär nach ihrer logischen Konsistenz, sondern nach narrativer Kohärenz – und nach der Glaubwürdigkeit des Erzählers. Eine gut erzählte Geschichte mit kleinen Fehlern überzeugt mehr als eine korrekte, aber schlecht erzählte. Nicht weil Menschen irrational wären. Sondern weil Narrative evolutionär früher sind als Logik: Das Gehirn prüft zuerst Kohärenz und Vertrauen, dann Faktizität.
Das ist keine Schwäche. Es ist der Mechanismus, der schnelle soziale Koordination unter Unsicherheit ermöglicht. Sprache war zunächst nicht Analyse-Werkzeug, sondern Kooperations-Werkzeug. Wer die Gruppe zusammenhielt, überlebte – nicht wer die korrektere These hatte.
Die Konsequenz ist unbequem: Wer in Diskussionen mit Fakten antritt, kämpft auf dem falschen Terrain. Wer ein kohärentes Narrativ anbietet, das den Zuhörer als handlungsfähiges Subjekt einschreibt – der gewinnt. Nicht weil er schwindelt. Sondern weil er die Sprache spricht, die das Gehirn wirklich hört.
Drei Aggregatzustände eines Mechanismus
Das Strukturprinzip des Buches ist elegant: Mythos, Lüge und Utopie sind keine Gegensätze zur Wahrheit. Sie sind verschiedene Aggregatzustände desselben narrativen Mechanismus.
Der Mythos ist kollektive Konstruktion: eine Geschichte, die so viele teilen, dass sie Wirklichkeit erzeugt. Geld ist ein Mythos. Nationen sind Mythen. Das Unternehmen als "Familie" ist ein Mythos. Der Mythos funktioniert nicht trotz seiner Konstruiertheit, sondern wegen ihr – er schafft geteilte Bedeutung, Identität, Handlungsfähigkeit. Intersubjektive Realität, wie Harari es nennt. El Ouassil und Karig zeigen die Kehrseite: dieselbe Fähigkeit, die Kooperation ermöglicht, ist auch die Quelle von Propaganda, Desinformation und kollektiver Selbsttäuschung. Der Vorteil ist nie kostenlos.
Die Lüge ist kein eigenständiges Phänomen, sondern ein degenerierter Mythos: Jemand verwendet die Mechanismen kollektiver Konstruktion für persönlichen Vorteil, ohne kollektive Trägerschaft. Was sozial funktioniert, wird individuell instrumentalisiert. Deshalb wirken Lügen, die in bestehende Mythen eingebettet sind, überzeugender als nackte Lügen – sie parasitieren auf narrativer Infrastruktur, die längst funktioniert.
Die Utopie ist der produktivste Aggregatzustand: Narrativ, das nicht beschreibt, was ist, sondern konstruiert, was sein könnte. El Ouassil und Karig formulieren es klar – ohne Utopie keine Transformation, nur Optimierung. Gesellschaften, Organisationen, Menschen ohne kollektives Zukunfts-Narrativ verbessern das Bestehende. Sie verändern es nicht.

Was das für KI bedeutet
Sprachmodelle optimieren auf sprachliche Kohärenz und stilistische Plausibilität – exakt das, was Narrative überzeugend macht. KI ist damit nicht gefährlicher als ein guter Redner. Sie ist gefährlich, weil sie ein guter Redner in industriellem Maßstab ist, ohne selbst eine soziale Verantwortung zu tragen.
Und sie hat kein Korrektiv gegenüber den Narrativen, die der Nutzer mitbringt. Wer eine kohärente Überzeugung eingibt – auch eine falsche, auch eine verzerrte – bekommt eine sprachlich noch konsistentere Version dieser Überzeugung zurück. Der Mythos wird eloquenter. Die Selbsttäuschung wird artikulierter. Das Narrativ wird stärker, nicht geprüft.
El Ouassil und Karig haben das Buch vor dem LLM-Zeitalter geschrieben. Aber der homo narrans, den sie beschreiben, hat mit ChatGPT und Claude ein Werkzeug bekommen, das seine narrativen Instinkte perfekt bedient. Die Frage, die sie aufwerfen, ist damit dringlicher geworden: Wer ist das Korrektiv? Wer unterbricht das Narrativ, bevor es sich selbst bestätigt?
