Margaret Boden, geboren 1936 in London, war Research Professor für Kognitionswissenschaft an der University of Sussex. Ihre Stärke ist analytische Präzision – sie schreibt nicht als Enthusiastin oder als Kritikerin der KI, sondern als jemand, der Begriffe zerlegt. Ihr Buch "The Creative Mind" erschien 1990 – lange bevor das Wort "KI" in aller Munde war – und stellte eine Frage, die seitdem niemand besser beantwortet hat: Was genau meinen wir mit Kreativität, wenn wir sagen, eine Maschine sei kreativ oder nicht?
Boden ist keine Romantikerin und keine Maschinenstürmerin. Beide Positionen – "KI wird niemals kreativ sein" und "KI ist bereits kreativer als Menschen" – hält sie für analytisch unscharf. Der Streit endet, sobald man die Frage präziser stellt. Und genau das tut sie.
Drei Formen, die nicht gleichwertig sind
Boden unterscheidet drei Formen der Kreativität – und das entscheidende Wort ist: unterscheidet. Es sind keine Grade auf einer Skala, sondern qualitativ verschiedene Vorgänge.
Kombinatorische Kreativität: Neue Kombinationen aus bekannten Elementen. Ein neuer Song aus bekannten Akkorden. Eine neue Metapher aus bekannten Wörtern. Das ist die häufigste Form – und die, die aktuelle KI-Systeme am besten beherrschen. LLMs synthetisieren aus dem Gesamtkorpus menschlicher Sprache plausible neue Kombinationen. Das ist keine Kleinigkeit. Es verändert Märkte. Aber es ist – bei Boden – die elementarste Form.
Explorative Kreativität: Systematische Erkundung eines konzeptuellen Raums bis an seine Grenzen. Ein konkretes Beispiel: AlphaGo Move 37 in der Go-Weltmeisterschaft 2016. Ein Zug, den kein menschlicher Experte gespielt hätte – weil er gegen alle etablierten Heuristiken verstieß. Er gewann trotzdem. AlphaGo hatte den konzeptuellen Raum des Go-Spiels so vollständig exploriert, dass es Möglichkeiten fand, die menschliches Denken systematisch ausgeblendet hatte. Das ist explorative Kreativität in ihrer klarsten Form. KI ist hier kompetent bis brilliant.
Transformationale Kreativität: Den konzeptuellen Raum selbst verändern. Nicht innerhalb der Regeln spielen – die Regeln neu schreiben. Nicht eine neue Sonate komponieren – die Form der Sonate überwinden. Nicht ein neuer Schachzug – ein neues Spiel erfinden. Das ist die seltenste und mächtigste Form. Und die, bei der Boden die härteste analytische Grenzziehung vornimmt.

Der konzeptuelle Raum – und seine taciten Grenzen
Jede kreative Tätigkeit findet bei Boden in einem konzeptuellen Raum statt – einem strukturierten Möglichkeitsfeld mit impliziten Regeln, Konventionen, Grenzen. Kombinatorische Kreativität kombiniert innerhalb des Raums. Explorative Kreativität durchforstet ihn systematisch. Transformationale Kreativität verändert den Raum selbst. Hier berührt Boden etwas, das Michael Polanyi dreißig Jahre früher aus einer anderen Richtung beschrieben hat: Die Grenzen des konzeptuellen Raums sind größtenteils tacit. Experten kennen sie – ohne sie je explizit formuliert zu haben. Transformationale Kreativität bedeutet, eine tacite Grenze nicht nur zu spüren, sondern sie zu überwinden. Das setzt voraus, den Raum so tief verinnerlicht zu haben, dass man seine unsichtbaren Wände fühlt. Wer die Grenzen nie gelernt hat, kann sie nicht überschreiten – er weiß nicht einmal, dass er sie nicht überschreitet. Wittgenstein würde hier zustimmen, aber schärfer formulieren: Die Grenzen des konzeptuellen Raums sind die Grenzen der Sprache, die in ihm gilt. Transformation heißt Verlassen des Sprachspiels. Ein neues erfinden. Wittgenstein beschreibt das als etwas, das man nicht sagen, sondern nur zeigen kann. Boden beschreibt es als das Höchste der menschlichen Kreativität.

Die offene Frage – und warum sie offen bleibt
Warum bleibt transformationale Kreativität strukturell beim Menschen? Boden stellt diese Frage präziser als jeder andere Denker in der KI-Debatte. Aber sie beantwortet sie nicht vollständig. Das ist keine Schwäche – es ist intellektuelle Redlichkeit. Sie hat eine Karte gezeichnet, auf der die Grenze klar markiert ist. Was jenseits dieser Grenze liegt – welche Eigenschaften des Menschen sie unüberquerbar machen – bleibt offen. Das ist der ehrlichste Punkt an Bodens Werk. Sie gibt nicht vor, zu wissen, was sie nicht weiß.
Was das für KI bedeutet
KI industrialisiert kombinatorische und explorative Kreativität. Texte, Bilder, Musik, Code – alles, was kombinatorisch oder exploratorisch erzeugt wird, kann KI günstiger, schneller, oft besser produzieren als Menschen. Das verändert Märkte und Berufe fundamental. Boden hat das 1990 nicht vorhergesagt – aber ihr analytisches Gerüst beschreibt es präzise. Die strategische Konsequenz, die sich aus Bodens Taxonomie ergibt: Der Wert menschlicher Arbeit verschiebt sich. Von Produktion zu Urteil. Nicht mehr: wer produziert am schnellsten? Sondern: wer entscheidet, welche Kombination bedeutsam ist? Welche Exploration lohnenswert ist? Welcher konzeptuelle Rahmen gebrochen werden muss?
Das ist keine sentimentale Verteidigung menschlicher Überlegenheit. Es ist Bodens analytisches Ergebnis: Die Form, die KI am wenigsten beherrscht, ist die Form, in der menschliche Arbeit den höchsten Wert hat. Wer KI nur als Effizienzwerkzeug versteht, sieht genau das nicht.
