Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Wer ist Noam Chomsky?

Quelle: Aspects of the Theory of Syntax (1965) · The Minimalist Program (1995) · The False Promise of ChatGPT (NYT 2023)

Noam Chomsky als Blaupausen-Portrait mit Zitat: Sprache ist nicht zum Kommunizieren gemacht.

Noam Chomsky (*1928) ist der Linguist, der die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts neu begründete – und der im März 2023 das unbequemste Urteil über KI-Sprachmodelle formulierte, das je aus der Wissenschaft selbst kam. Nicht aus der Philosophie, nicht aus dem Feuilleton. Aus der Linguistik.

Chomsky, geboren in Philadelphia, lehrte seit den 1950er-Jahren am MIT und legte mit "Syntactic Structures" (1957) den Grundstein für die moderne Generative Grammatik. Er wandte sich gegen die damals dominante These, Sprache sei ein erlerntes Verhalten – konditioniert durch Belohnungen und Wiederholung, wie B.F. Skinner es behauptete. Chomskys Gegenthese war radikaler: Sprache ist biologisch. Der Mensch bringt sie mit.

Die Sprache, die wir mitbringen

Wenn ein Kind sprechen lernt, passiert etwas Merkwürdiges. Es hört Sätze, die unvollständig sind, fehlerreich, kontextabhängig. Und trotzdem leitet es Grammatikregeln ab, die es nie ausdrücklich gelehrt bekommen hat – inklusive Regeln für Sätze, die es noch nie gehört hat. Das Ergebnis ist weit komplexer als der Input erlaubt.

Chomsky nennt das "Poverty of the Stimulus": Der sprachliche Input, dem Kinder ausgesetzt sind, ist zu arm, um die grammatische Kompetenz zu erklären, die sie entwickeln. Also muss das Werkzeug bereits vorhanden sein. Die Universalgrammatik ist das angeborene System von Strukturprinzipien, das allen menschlichen Sprachen zugrunde liegt. Das Language Acquisition Device ist die biologische Fakultät, die jeden Menschen befähigt, aus minimalem Input jede menschliche Sprache zu erwerben.

Sprache ist kein Software-Update von außen. Sie ist, auf einer grundlegenden Ebene, Hardware.

Was das Kind weiß, ohne zu wissen warum

Der Kontrast zu KI-Sprachmodellen ist hier am schärfsten. Ein großes Sprachmodell benötigt hunderte Milliarden Wörter Trainingsdaten, um statistisch plausiblen Text zu erzeugen. Ein Kind benötigt ein paar Jahre alltäglicher Interaktion, um die vollständige rekursive Tiefenstruktur einer Sprache zu internalisieren.

Das ist kein quantitativer Unterschied. Es ist ein qualitativer. LLMs und menschlicher Spracherwerb tun strukturell verschiedene Dinge. Das Modell approximiert die Oberfläche. Das Kind versteht die Prinzipien.

Sean Kollak schreibt mit rotem Stift einen Brief – konzentrierter Blick, Holztisch, Bücher im Hintergrund.
Was verloren geht, wenn Sprache von ihrem biologischen Träger getrennt wird – und welchen gesellschaftlichen Preis das hat.

Sprache ist Denken

Chomskys spätere, kontroverse These lautet: Sprache hat sich evolutionär primär als Werkzeug des Denkens entwickelt – nicht der Kommunikation. Der innere Monolog geht dem gesprochenen Satz voraus. Externe Kommunikation ist eine sekundäre Funktion, ein Zusatz zu diesem internen Berechnungssystem.

Das kehrt eine verbreitete Annahme um. Wir denken nicht, um zu kommunizieren. Wir kommunizieren, weil wir denken. Zuerst denkt der Mensch in Sprache – stumm, ungehört, für sich. Dann tritt dieser Gedanke nach außen.

Das ist der biologische Unterbau für eine Frage, die im KI-Zeitalter drängender wird: Wer spricht hier eigentlich? Ein Mensch – oder ein System, das Wahrscheinlichkeiten berechnet?

Das Urteil des Gründervaters

Im März 2023 schrieben Chomsky, Ian Roberts und Jeffrey Watumull in der New York Times: "The False Promise of ChatGPT." Ihr Argument ist kompromisslos.

Sprachmodelle haben keine epistemische Verbindung zur Wirklichkeit. Sie sind weder wahr noch falsch in sich selbst – sie sind auf Plausibilität optimiert, nicht auf Wahrheit. Sie können nicht verallgemeinern, wie ein Kind Grammatikprinzipien ableitet. Sie können nicht erkennen, was sie nicht wissen. Sie haben keine moralische Verbindung zur Realität.

Chomskys Formel: überdimensionierte Autovervollständigungen. Systeme, die Text plausibel fortsetzen – ohne ihn zu verstehen, ohne eine Beziehung zu dem zu haben, worüber sie sprechen.

Das Bemerkenswerte daran: Es ist das Urteil des Linguisten, der besser als irgendjemand sonst versteht, was Sprache strukturell ist. Nicht eine externe Kritik. Eine interne.

Ein Widerspruch, der trägt

Wittgenstein und Chomsky scheinen sich zu widersprechen. Wittgenstein: Sprache ist sozial, Bedeutung entsteht im Gebrauch, Privatsprache ist unmöglich. Chomsky: Sprache ist biologisch, primär intern, die Kommunikation ist nachgelagert.

Beide haben recht – in verschiedenen Schichten. Und KI bricht beide gleichzeitig.

Sie simuliert Chomskys syntaktische Strukturen, ohne ein Language Acquisition Device zu haben, ohne inneres Denken. Und sie parodiert Wittgensteins Sprachspiele, ohne Teil der menschlichen Lebensform zu sein, die ihnen Bedeutung gibt. Das ist kein graduelles Defizit, das sich durch mehr Rechenleistung beheben ließe. Es ist eine strukturelle Doppellücke.

Der Satz, der beides zusammenfasst: KI ist ein Sprachspiel ohne Lebensform. Wittgenstein von außen. Chomsky von innen. Dieselbe Grenze.

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