Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Wer ist Søren Kierkegaard?

Quelle: Entweder/Oder (1843) · Furcht und Zittern (1843) · Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift (1846) · Die Krankheit zum Tode (1849)

Søren Kierkegaard als Blaupausen-Porträt mit Zitat: Alles wesentliche Erkennen betrifft die Existenz.

Søren Kierkegaard (1813–1855) hat der Existenzphilosophie ihre Frage gegeben, lange bevor der Begriff existierte: Nicht was ist der Mensch, sondern was bedeutet das für mich – für diesen einen, unvertretbaren Einzelnen.

Die Existenzphilosophie hat im Zentrum ihres Bemühens den Weg zur Wahrheit. Ob sie phänomenologisch argumentiert oder wie Kierkegaard einen anderen Zugang sucht – im Zentrum steht der Mensch mit seinen ihn bestimmenden Zuständen wie Angst, Verzweiflung, Liebe und Sorge als authentisches Wesen. Nicht als festgelegtes Wesen, sondern als verantwortliches, freies, sich selbst entwerfendes Wesen. Kierkegaards Fassung dieser Frage ist die radikalste: Er stellt sie gegen Hegel, gegen das System, das die Geschichte, die Vernunft, die Entwicklung des Geistes erklärt – aber nie beantwortet, was der Einzelne tun soll.

Leeres Kreuz aus Weidengeflecht auf Holzdielen – Symbol für den Verlust religiöser Sinnrahmen und die Suche nach dem nächsten Meta-Narrativ
"Was bedeutet das für mich?" – Kierkegaards Frage gegen jedes Meta-Narrativ, das Erlösung kollektiv verspricht.

Wahrheit ist Subjektivität

Aus der Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift: "Die Subjektivität ist die Wahrheit." Das ist kein Relativismus. Es ist die Unterscheidung zwischen objektiver Approximation – Wissenschaft, Vernunft, System – und existenzieller Aneignung. Nicht "Ist das wahr?", sondern "Bin ich darin?" Genau hier trennt sich Kierkegaard am schärfsten von einer Gegenposition, die zweihundert Jahre später Konjunktur hat: Die "Quantified Self"-Bewegung, die Harari in Homo Deus beschreibt, behauptet das Gegenteil – das Ich bestehe aus nichts als mathematischen Mustern, zu komplex für den menschlichen Geist selbst. Ihr Motto: Selbsterkenntnis durch Zahlen, nicht durch Philosophie, Meditation oder Nachfragen. Wo Kierkegaard sagt, Wahrheit sei Subjektivität, sagt die Zahlen-Bewegung: Wahrheit ist das, was der Algorithmus über dich weiß, ohne dich zu fragen. Und wenn der Mensch die Kierkegaard-Frage nicht stellt, oder sie verdrängt, wird er nicht unglücklich im gewöhnlichen Sinn – er verzweifelt. Verzweiflung ist für Kierkegaard kein äußerer Zustand, kein Scheitern an der Welt. Sie ist ein Missverhältnis im Selbst: der Mensch, der lebt, ohne je gefragt zu haben, ob das Selbst stimmt; der ins Konventionelle flieht, um nicht er selbst sein zu müssen; oder der sich trotzig gegen alles setzt, was ihn gesetzt hat. Eine KI kann Symptome von Verzweiflung erkennen, Muster im Leidens-Vokabular, statistisch plausible Trostworte. Aber sie kann niemals verzweifelt sein. Das ist kein Wissens-Defizit, das man mit mehr Daten behebt. Es ist eine andere Kategorie.

Kleist, Harari und das erzählende Selbst

Kierkegaards "selbst entwerfendes Wesen" hat einen Verwandten, den er nie gelesen hat: Heinrich von Kleist beschreibt in Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, wie der Gedanke erst im Risiko des Sprechens entsteht, im Ausgesetztsein vor einem Gegenüber – nicht vorher fertig im Kopf. Beide beschreiben Authentizität als etwas, das sich im Vollzug bildet, nicht als etwas, das man abruft. Das ist die Reibung, die einer Maschine fehlt: Sie riskiert beim Sprechen nichts.

Eine zweite Verwandtschaft findet sich, wo man sie kaum vermutet: bei Yuval Noah Harari. Harari übernimmt Daniel Kahnemans Unterscheidung zwischen erlebendem und erinnerndem Selbst und verschaltet sie mit Michael Gazzanigas Interpreter-These: Das erinnernde Selbst ist "ständig damit beschäftigt, sich Geschichten über die Vergangenheit auszudenken und Pläne für die Zukunft zu schmieden" (Homo Deus). Der Mensch ist sein eigener nachträglicher Erzähler. Das klingt zunächst wie eine Bestätigung von Kierkegaards selbst entwerfendem Wesen – ist aber seine Kehrseite. Kierkegaards Selbst-Entwurf ist ein Akt, der etwas riskiert und verantwortet. Hararis erinnerndes Selbst konstruiert nur im Nachhinein eine kohärente, meist schmeichelhafte Geschichte. Die Frage, die daraus folgt, lässt sich nicht bequem beantworten: Woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Selbst, das sich authentisch entwirft, und einem Selbst, das sich nur eine gute Geschichte über sich selbst erzählt?

Die vierte Kränkung

Freud zählte drei große Kränkungen der Menschheit: Kopernikus nahm der Erde ihre Mitte, Darwin nahm dem Menschen seine Sonderstellung im Tierreich, die Psychoanalyse nahm dem Ich die Kontrolle über sich selbst. Die KI ist die vierte. Harari nennt in demselben Buch die Schwelle, an der die Übergabe rational wird: "Es reicht, wenn dieser externe Algorithmus mich besser kennt als ich mich selbst und weniger Fehler begeht als ich. Dann nämlich wird es tatsächlich sinnvoll sein, diesem Algorithmus immer mehr meiner Beschlüsse und Lebensentscheidungen zu übertragen." Kein Zwang, keine Dystopie – eine nüchterne Kalkulation. Und interessant ist, wie der Mensch darauf bereits reagiert: KI als Lebensberater und Coach zur Sinnfindung gehört heute zu den meistgenannten Anwendungen überhaupt. Das ist kein Nebenschauplatz. Das ist der Mensch, der nach der vierten Kränkung wieder nach seinem Platz sucht – und ausgerechnet die Kränkung selbst dazu befragt, wo dieser Platz sei.

Kierkegaard hätte darauf vermutlich geantwortet, dass die Antwort nicht im Coaching-Gespräch liegt, sondern im authentischen Nachfragen selbst – im Leiden, das nicht wegoptimiert werden kann, weil es die Bedingung ist, unter der das Selbst sich überhaupt erst als seines erkennt. Ob das stimmt, oder ob es nur eine weitere tröstliche Geschichte ist, die auch ich mir erzähle – das bleibt, ganz in Kierkegaards Sinn, eine Frage, die niemand stellvertretend für mich beantworten kann.

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