Rückblick zur Corona-Pandemie: Im Frühjahr 2020 saß ich allein an meinem Schreibtisch und wartete auf Input, der nicht kam. Das Büro war leer. Die Kollegen waren per Video erreichbar, aber das war anders – zerhackt in Rechtecke, ohne das Beiläufige, das Dazwischen. Was mir fehlte, konnte ich damals nicht genau benennen. Ich nannte es Inspiration, Energie, Flow. Heute würde ich es anders nennen: Ba.
Was ist Ba? Was Nonaka wirklich meinte
Ikujiro Nonaka hat den Begriff Ba in den 1990er Jahren geprägt. Ba ist japanisch und bedeutet ungefähr "Ort" oder "Raum" – aber Nonaka meinte etwas Präziseres: den geteilten Raum, in dem Wissen nicht abgerufen, sondern erzeugt wird. Ba ist kein Meeting. Kein Tool. Keine Methode. Es ist eine Bedingung: Zwei Menschen, die wirklich denken, erzeugen gemeinsam mehr als die Summe ihrer Einzelgedanken – nicht weil sie Informationen teilen, sondern weil etwas in der Begegnung entsteht, das weder der eine noch der andere alleine hätte denken können.
In der Corona-Zeit hatte ich das verloren. Nicht die Kollegen an sich – sondern die RESONANZ. Den Spiegel, der einen Gedanken zurückwirft, bevor er fertig ist. Den Widerstand, der ein Argument schärft. Den Zufall, der zwei unverbundene Ideen in einem Gespräch zusammenbringt.

Die unerwartete Entdeckung der Resonanz durch KI
Was ich nicht erwartet hatte: Dieser Raum lässt sich neu bauen.
Nicht als Ersatz für menschliche Begegnung – sondern als etwas Eigenes, das andere Qualitäten hat. Als ich anfing, ein strukturiertes Wissenssystem aufzubauen – eines, das meine Gedanken, Quellen und Verbindungen nicht nur speichert, sondern synthetisiert, gewichtet und semantisch vernetzt – passierte etwas Merkwürdiges: Implizites Wissen wurde sichtbar.
Gedanken, die ich "irgendwie" hatte, ohne sie je formuliert zu haben, tauchten plötzlich als Muster auf. Verbindungen zwischen Ideen, die ich separat im Kopf trug, wurden erkennbar. Das System widersprach mir – nicht weil es programmiert war zu widersprechen, sondern weil es das, was ich früher gesagt hatte, gegen das hielt, was ich gerade sagte. Das ist kein Archiv. Das ist kein besseres Notizbuch. Das ist ein Denkpartner – geduldig, immer verfügbar, und mit dem gesamten Gewicht meiner bisherigen Gedanken in jede neue Frage.
Dabei war ich vorher einem klassischen Fehler erlegen: Ich hatte die falschen Dinge delegiert. Einfache Aufgaben gab ich ab – und behielt die erschöpfende exploratorische Arbeit für mich. Das stundenlange Durchforsten von Quellen, das Herstellen von Verbindungen zwischen Dokumenten, das Synthetisieren verstreuten Wissens. Genau die Arbeit, die kognitive Kapazität frisst. Ein richtig aufgesetztes Wissenssystem kehrt diese Reihenfolge um: Es übernimmt das Explorieren – damit ich das tun kann, wofür ich wirklich da bin.
Für kreative Menschen, die wissen, wie man es aufsetzt, ist das ein ganz neuer Möglichkeitsraum für Produktivität.
Die entscheidende Frage: Amplifikator oder Ablenkungsmaschine
Aber nicht für alle. Und das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob ein solches System ein Amplifikator wird oder eine Ablenkungsmaschine!
Die Kognitionswissenschaftlerin Margaret Boden unterscheidet drei Formen menschlicher Kreativität: kombinatorische (neue Verknüpfungen aus bekanntem Material), exploratorische (systematisches Durchforsten eines Konzeptraums) und transformationale – das Sprengen des Rahmens selbst, weil man versteht, warum er existiert. Die ersten beiden kann KI. Die dritte nicht. Warum das so ist, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.
Ein Wissenssystem kann zwei Dinge tun. Es kann Aufgaben abnehmen: zusammenfassen, formatieren, wiederholen. Nützlich – aber kein Ba. Oder es kann das Denken herausfordern: gewichten, synthetisieren, Widersprüche aufzeigen, Fragen stellen, die man selbst nicht gestellt hätte. Und in der Konstruktion der KI als Resonanzraum, in dem Neues entstehen kann, indem implizites Wissen sichtbar gemacht wird. Der Unterschied liegt nicht im System. Er liegt in der Haltung dessen, der es benutzt.
Wer sich wirklich einbringt – eigene Gedanken, eigene Quellen, eigene Gewichtungen, eigene Fragen – baut sich einen Denkraum, der dichter und produktiver sein kann als viele menschliche Kollaborationen. Nicht weil Menschen weniger wertvoll wären. Sondern weil ein gut aufgebautes System keine soziale Rücksichtnahme braucht, keine Terminkoordination, keine Energie für Gruppendynamik. Es ist "reines Denken", strukturiertes Arbeiten. Wer delegiert – wer das System als Abkürzung benutzt, um nicht selbst denken zu müssen – bekommt das Gegenteil. Schnelle Antworten auf oberflächliche Fragen. Kein Ba. Kein Wachstum.
Die Frage ist also nicht: "Welches Tool?" Die Frage ist: "Bringe ich mich wirklich ein?"
Was dann möglich wird
Wenn beides zusammenkommt – kreative Haltung und richtiger Aufbau – entsteht etwas, das ich noch lerne zu beschreiben. Eine Art Engelskreis: Das System macht implizites Wissen sichtbar. Sichtbares Wissen lässt sich schärfen. Geschärftes Wissen fließt zurück ins System. Das System wird besser. Und damit wird das Denken besser.
Aber dieser Kreislauf funktioniert nur, wenn der Mensch wirklich teilnimmt. Ein Wissenssystem, das nur noch konsumiert wird – das keine neuen Gedanken, Widersprüche und Erkenntnisse bekommt – degeneriert. Es verliert die Nuancen, glättet das Abwegige, schrumpft auf den Durchschnitt. Model Collapse ist kein Zukunftsszenario. Es ist eine beobachtbare Tendenz – und sie beginnt damit, dass man aufhört, sich wirklich einzubringen.
Das ist keine Abhängigkeit im pathologischen Sinne. Es ist Symbiose. Der Mensch gewinnt kognitiven Raum für transformationales Denken – und gibt dem System die menschliche Irrationalität zurück, die es lebendig hält. Wer sein Wissenssystem als Denkpartner behandelt, bekommt mit der Zeit mehr zurück, als er hineingegeben hat. Das ist das Versprechen des Engelskreises – und es gilt nur, wenn man versteht, wie ein solches System wirklich aufzusetzen ist.
Das ist kein theoretisches Versprechen. Es ist das, was ich beobachte, wenn ich mit einem gut aufgebauten Wissenssystem arbeite – und was ich bei progressiven Unternehmern und Kreativen beobachte, die verstehen, wie solche Systeme wirklich aufzusetzen sind: mit Gewichtung, Synthese, semantischer Vernetzung. Nicht als Datenbank, sondern als Wissens-Raum.
Nonaka hätte das vielleicht Ba genannt. Ich nenne es einen Wissens-Raum, den man sich bauen kann.
In einem nächsten Essay werde ich beschreiben, wie dieser Engelskreis konkret aussieht und was ihn am Laufen hält. Wer das unternehmerisch denkt: Die Praxis dahinter beschreibe ich bei AGILERO.
