Sean Kollak
← Essays

04.05.2026

Sum Credo. Ich bin, was ich glaube.

Sean Kollak hält Richard David Prechts 'Sei du selbst' in die Kamera – Philosophiegeschichte Band III als Impuls für Sum Credo

Ich habe diesen Satz in den Rand eines Buches geschrieben. Spontan, während des Lesens, weil er sich aufgedrängt hat wie ein Satz, den man eigentlich schon immer gewusst hat:

Sum Credo. Ich bin, was ich glaube.

Es ist eine Umkehrung von Descartes. Descartes sagte: Cogito ergo sum — ich denke, also bin ich. Das Denken beweist die Existenz. Aber Denken ist nicht der Ursprung des Selbst. Glaube ist es.

Verdammt zum Erzählen

Richard David Precht liest Nietzsche so (Sei du selbst, S. 341): Der Mensch ist „das Tier, das nicht vergessen kann." Er betrachtet sich selbst aus der Distanz, sieht seine Vergangenheit, plant seine Zukunft. Dadurch entsteht Selbstbewusstsein — und damit das Problem: Wer so lebt, ist verdammt, seine Zeit zu füllen. Er kann nicht einfach dösen wie ein Tier. Er muss handeln. Und durch dieses Handeln erschafft er Geschichte.

Ich möchte einen Schritt weitergehen: Der Mensch ist nicht nur verdammt zu handeln. Er ist verdammt zum Erzählen. Was er tut, muss er deuten. Was er erlebt, muss er einordnen. Jede Erfahrung wird sofort in eine Geschichte verwandelt — denn ohne Geschichte gibt es kein Selbst. Precht zeigt (S. 469), wie William James das auf den Punkt bringt: Das „Mich" kommentiert pausenlos das „Ich", sichert Identität durch Narration. James und Nietzsche sind sich darin einig — Nietzsche hat es 1881 so formuliert: Unser Bewusstsein ist „ein mehr oder weniger phantastischer Kommentar über einen ungewußten, vielleicht unwißbaren, aber gefühlten Text."

Ist Erleben Erdichten? Natürlich — was sonst.

Das ist keine pessimistische Aussage. Es ist eine präzise Beschreibung dessen, was Bewusstsein tut. Wir reagieren nicht auf die Wirklichkeit. Wir reagieren auf unsere Interpretation von Nervensignalen, die wir in Bedeutung übersetzen. Selbst Emotionen sind nicht frei von Dichtung: Wir laufen nicht vor dem Bären weg, weil wir Angst haben — wir interpretieren Herzrasen und Schweißausbruch als Angst und nennen es dann Reaktion.

Jede angenommene Rolle ist eine Selbsttäuschung. Auch die ehrlichste.

Ich bin, was ich glaube

Daraus folgt der Satz, den ich in den Buchrand geschrieben habe. Kein Mensch steht außerhalb eines Glaubenssystems. Jeder existiert innerhalb einer Struktur von Überzeugungen, die ihm sagt, was real ist, was wichtig ist, wer er ist. Diese Systeme sind größer als Religion. Sie umfassen das Geld, das Recht, die Familie, die Nation, die Vernunft — alles, woran Menschen glauben, ohne es täglich zu prüfen.

Yuval Noah Harari hat auf Zivilisationsebene gezeigt: Große menschliche Kooperationen beruhen immer auf geteilten Fiktionen. Geld hat keinen intrinsischen Wert. Staaten sind kollektive Vorstellungen. Menschenrechte existieren, weil genug Menschen daran glauben. Sum Credo ist dasselbe Prinzip im Singular: Ich bin immer in einem dieser Systeme verortet. Ich bin es.

Nicht ich habe ein Glaubenssystem — das Glaubenssystem hat mich.

Wenn ein Mythos stirbt

Wenn ein Glaubenssystem kollabiert, stirbt nicht einfach eine Überzeugung. Es stirbt die Identität, die sich darauf aufgebaut hat.

Das ist der eigentliche Schmerz solcher Momente — nicht der intellektuelle Verlust des Inhalts, sondern der Kollaps des „Ich bin", das an diesen Inhalt geknüpft war. Nietzsche hat das für die Zivilisation beschrieben: „Gott ist tot" war kein atheistischer Triumphsatz. Es war eine Katastrophenbeschreibung. Der Rahmen, der dem Leben Bedeutung gab, war weggefallen. Und niemand hatte einen Ersatz.

Was für Zivilisationen gilt, gilt für jeden Menschen. Wenn das, woran ich geglaubt habe, sich als Konstruktion herausstellt, die ich für Wirklichkeit gehalten habe — verliere ich nicht eine Meinung. Ich verliere mich selbst. Vorübergehend.

Was gerade stirbt

Heute stirbt ein Mythos, der die Moderne getragen hat: der Mensch als Vernunftwesen. Die KI macht ihn sichtbar als das, was er immer war — eine tröstliche Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählt haben. Wir sind keine rationalen Entscheider mit gelegentlichen emotionalen Störungen. Wir sind emotionale, narrative Wesen mit sehr begrenzter rationaler Kapazität. Die KI rechnet — und rechnet in vielen Bereichen besser. Das enthüllt, dass das, was wir „Vernunft" nannten, oft Rationalisierung war: eine Geschichte, die wir unseren Impulsen im Nachhinein gegeben haben.

Aber KI kann uns nicht retten. Sie hat kein Sum — kein „Ich bin." Nur Parameter, Gewichte, Outputs. Kein Wesen, das glaubt, leidet, begehrt, zweifelt.

Was tun? Buddhismus und Existentialismus sagen unisono: Niemand kann uns erlösen. Wir selbst sind aufgerufen, das Leben in die Hand zu nehmen.

Sean Kollak – Der Schrei: existenzielle Angst angesichts des KI-Zeitalters, inspiriert von Edvard Munchs expressionistischem Meisterwerk
Den Kollaps des Vernunftwesen-Mythos habe ich im Essay „Erst starb Gott" ausführlicher beschrieben — was stirbt, warum es kein Unglück ist, und was Nietzsche dazu zu sagen hat.

Was bleibt

Was bleibt, wenn alle Glaubenssysteme abgetragen sind? Nicht Nihilismus. Nicht Leere.

Sum. Das nackte Ich bin.

Erich Fromm hat das den Sein-Modus genannt — im Unterschied zum Haben-Modus, in dem die meisten Menschen leben. Haben: Ich habe Überzeugungen, Rollen, Titel, die mich definieren. Sein: Ich bin — ohne Anhang. Nicht definiert durch das, was ich glaube, besitze oder darstelle. Nur: lebendig.

Vivo, ergo cogito. Ich lebe, also denke ich. Nicht umgekehrt.

Das ist das Ziel hinter dem Sum Credo: nicht das Glaubenssystem zu perfektionieren, sondern zu verstehen: "Leben steht immer vor den Worten und Gedanken. Du bist du selbst, lange bevor du versuchst, dein Leben gedanklich einzuholen und dich zu dir selbst in ein diskursives Verhältnis zu setzen." (Precht, Seite 26).

Mehr Essays lesen

Alle Texte über KI, Kreativität und Philosophie.

Alle Essays →