Sean Kollak
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31.08.2026

Wie KI-fit ist Finnland?

Finnische Flagge aus leuchtenden blauen Schaltkreislinien über Helsinkis nächtlicher Skyline, mit Nordlicht, Binärcode und einem zentralen Prozessor mit der Aufschrift 'AI'

2016 hat Finnland beschlossen, seinen Kindern fächerübergreifendes Lernen beizubringen.

Ich habe das lange für eine Pionierleistung gehalten. Der Ansatz beschreibt genau die Art, wie ich selbst arbeite, seit ich eine KI benutze: Ich setze mich an ein echtes Problem, nicht an ein Fach, und ziehe mir zusammen, was ich brauche, quer durch alles, ohne Lehrplan. Wenn das für mich funktioniert, dachte ich, warum sollte es nicht für eine ganze Schulgeneration funktionieren.

Der Ansatz heißt phänomenbasiertes Lernen1. Seit 2016 muss ihn jede finnische Schule anbieten: mindestens ein mehrwöchiges Projekt pro Jahr, für alle zwischen 7 und 16, das Thema wählen die Schüler mit. Nicht erst Mathe, dann Geschichte, dann Erdkunde, sondern ein einziges großes Thema, sagen wir der Klimawandel, bearbeitet mit allem gleichzeitig: Physik, Wirtschaft, Ethik, Geschichte2. Die Lehrkraft steht nicht vorne und erklärt. Sie moderiert. Den Prozess besitzen die Schüler.

Das war kein Randversuch. Finnland galt jahrzehntelang als die Blaupause für gute Schule, und diese Reform war die Ansage, dass die Blaupause noch besser wird. Das Versprechen dahinter ist groß: nicht Faktenwissen, sondern Urteilskraft. Die Fähigkeit, sich in einem offenen Problem zu bewegen, ohne dass jemand die Grenzen vorgibt.

Es ist die richtige Frage

Und es ist die richtige Frage, denn genau diese Fähigkeit verlangt der Umgang mit einer KI. Wenn ich mich vor ein Sprachmodell setze, gibt mir niemand die Fächergrenzen. Niemand sagt mir, welches Wissen ich jetzt brauche. Ich schreibe eine erste Frage, bekomme eine halbrichtige Antwort, merke, dass ich das Problem falsch gestellt habe, formuliere um, prüfe gegen, was ich selbst weiß. Das ist keine Schulfachkompetenz. Das ist die Kompetenz, die über allen Fächern liegt, und das deutsche System bringt sie bis heute niemandem systematisch bei. Es sortiert weiter in Fächer, Stunden, Prüfungen. Finnland hat vor zehn Jahren gesehen, dass das auf den Ernstfall nicht vorbereitet.

Sean Kollak in Clownsschminke vor digitalen Code-Fenstern, im Hintergrund die Meldung 'System: Realitätssimulation fehlgeschlagen' – der letzte Mensch, glücklich im Habitat der Simulation
Was die Forschung seit 2024 misst, wenn Lernen sich mühelos anfühlt – der Beitrag, auf den sich dieser Text an mehreren Stellen stützt.

Dann fiel es auseinander

Nur: Die Idee hat in der Praxis katastrophal versagt.

Seit die Reform läuft, sind Finnlands PISA-Werte abgestürzt. In Mathematik verlor das Land zwischen 2003 und 2022 im Schnitt 79 Punkte und rutschte von Platz eins auf etwa zwanzig3. Der Anteil der schwachen Leser hat sich in zehn Jahren verdoppelt. 2018 hatte Finnland die größte Kluft zwischen lesenden Mädchen und Jungen von allen 79 Teilnehmerländern4. Das Land, das die Blaupause war, produziert jetzt Jahrgänge, die schlechter rechnen und schlechter lesen als der Jahrgang davor.

Aino Saarinen, Bildungsforscherin an der Universität Helsinki, sagt offen, woran es ihrer Ansicht nach liegt: Der phänomenbasierte Lehrplan lädt zu viel Verantwortung für das eigene Lernen bei den Kindern ab5. Anders gesagt: Man hat Vierzehnjährigen einen Job gegeben, für den Erwachsene über Jahre hinweg ausgebildet werden müssten.

Ehrlich: Niemand weiß es genau

Hier muss ich bremsen, denn so sauber, wie der letzte Absatz klingt, ist die Sache nicht.

Die Ursache des Absturzes ist umstritten. Die finnische Bildungsbehörde führt ihn auf eine Reihe gesellschaftlicher Veränderungen zurück, vor allem auf die wachsende soziale Ungleichheit zwischen Familien6. Die Lehrergewerkschaft nennt Budgetkürzungen, weniger Unterrichtsstunden, gestrichene Förderung7. Es kann gut sein, dass phänomenbasiertes Lernen nur der sichtbarste Wandel unter vielen ist und die Schläge von woanders kommen. Der schärfste journalistische Beleg, den ich finde, ist von 2020, und die Debatte um die 2022er-Zahlen läuft über Sekundäranalysen und eine Handvoll Forscher. Einen wissenschaftlichen Konsens gibt es nicht.

Ich behaupte also nicht, dass die Reform die Schulen kaputtgemacht hat. Was mich interessiert, ist etwas anderes: dass ein ganzes Land nicht sicher sagen kann, warum seine Kinder abgerutscht sind. Das ist keine Randnotiz. Das zeigt, wie schlecht messbar ist, ob eine Lernmethode Fähigkeit aufbaut oder aushöhlt. Man merkt es erst Jahre später, an einer Zahl, und selbst dann streiten alle über die Ursache.

Meine Vermutung

Wenn ich raten müsste, was schiefgelaufen ist, dann nicht, dass fächerübergreifendes Lernen an sich falsch wäre. In den finnischen Schulen war es fast überall ein Hybrid: normaler Fachunterricht plus Projektmodule. Das Problem ist die Dosis und die Reihenfolge. Ein offenes Problem zu integrieren setzt voraus, dass man etwas hat, das man integrieren kann. Wer zu früh anfängt, alles zu verbinden, verbindet Leere und produziert Schwammigkeit.

Und es fehlte ein Prüfstein. Krafttraining hat einen ehrlichen Maßstab: Das Gewicht, das man hebt, lügt nicht. Ein offenes Schulprojekt hat diesen äußeren Maßstab selten, und ohne ihn lässt sich echter Fortschritt nicht von etwas unterscheiden, das nur ordentlich aussieht.

Der eigentliche Punkt aber ist: Die Anleitung fehlte. Seit 2006 gibt es eine viel zitierte Arbeit von Kirschner, Sweller und Clark mit einer unbequemen These: Fast unangeleitetes Entdecken funktioniert bei Anfängern schlecht8. Wer noch wenig weiß, ertrinkt in einem offenen Problem, statt daran zu wachsen. Wirksames Projektlernen ist im Prozess streng geführt und nur im Inhalt offen. Diese Prozessführung ist harte Handwerksarbeit: zurückfragen statt vorsagen, eine Hürde bewusst stehen lassen, ohne dass das Kind abbricht, im richtigen Moment den einen Hinweis geben und sonst schweigen. Finnland hat diese Fähigkeit bei jeder einzelnen Lehrkraft vorausgesetzt, statt sie flächendeckend aufzubauen. Und 2016 gab es weder erprobte Konzepte noch Werkzeuge, die diese Last mitgetragen hätten.

Das ist eine Vermutung, kein Befund. Aber es ist die Vermutung, die sich auf den Umgang mit KI übertragen lässt.

"Nimm halt ChatGPT"

Denn dieselbe Bewegung passiert gerade wieder, nur schneller.

Ich habe an anderer Stelle beschrieben, was seit 2024 an Forschung dazu aufläuft, dass leichtes Lernen wenig hängen lässt9. Der Kern lässt sich kurz sagen: Studien aus dem Jahr 2025 finden einen negativen Zusammenhang zwischen häufiger, unstrukturierter KI-Nutzung und kritischem Denken, vermittelt darüber, dass man die Denkarbeit an das Werkzeug abgibt. Jüngere trifft es stärker. Aber strukturierte, dialogische Nutzung hebt kritisches Denken messbar10. Nicht das Werkzeug entscheidet. Die Einbettung entscheidet.

"Nimm halt ChatGPT" ist Finnlands Fehler im Kleinen. Man drückt jemandem eine offene Aufgabe und ein mächtiges Werkzeug in die Hand und lässt den Prozess weg, der ihn zum Denken zwingt. Kurzfristig sieht das Ergebnis besser aus, die Aufgabe ist schneller fertig, der Text ist glatter. Langfristig hat niemand etwas gelernt, weil niemand die kognitive Reibung gespürt hat, die im Kopf überhaupt erst eine dauerhafte Spur anlegt.

Reibung ist kein Nebeneffekt des Lernens. Reibung ist das Lernen. Ein Werkzeug, das dir die Reibung abnimmt, nimmt dir das Lernen. Das gilt im Klassenzimmer in Helsinki und am Schreibtisch in Siegburg gleichermaßen.

Estland baut es gerade umgekehrt. Dort ist das Leitprinzip sokratisches Tutoring, die KI stellt Fragen zurück, statt Lösungen auszugeben, und die Lehrerfortbildung ist Bedingung, bevor die Technik in die Klasse darf. Der erklärte Zweck: Die KI soll das Denken der Schüler stärken, nicht es ersetzen11. Ob das aufgeht, ist die Frage des nächsten Beitrags: Wie KI-fit ist Estland?

Was bleibt

Ich habe die finnische Reform bewundert, weil sie meiner eigenen Praxis ähnelte. Vielleicht war genau das der Denkfehler. Was für einen Erwachsenen mit dreißig Jahren Fachwissen im Rücken ein guter Arbeitsmodus ist, kann für einen Vierzehnjährigen ohne dieses Fundament eine Überforderung sein. Und was für mich an einem guten Tag funktioniert, kann an einem schlechten Tag dasselbe sein wie das, was Finnland passiert ist.

KI-fit zu sein heißt dann nicht, das Werkzeug reibungslos bedienen zu können. Es heißt, eine eigene geistige Spannung aufrechtzuerhalten, an der sich die Ergebnisse der KI reiben müssen.

Die zentrale Frage ist: Welchen kognitiven Widerstand darf ein Werkzeug mir abnehmen, bevor es mir das Lernen abnimmt? Finnland sucht die Antwort noch. Deshalb schaue ich mir als Nächstes das Land an, das die umgekehrte Wette eingegangen ist.

1 Überblick und kritische Einordnung: Phenomenon-based learning in Finland: a critical overview of its historical and philosophical roots, Cogent Education (2024). Zur verbindlichen Verankerung im Kern-Lehrplan seit 2016 (mindestens ein multidisziplinäres Modul pro Jahr für die 7- bis 16-Jährigen): VisitEDUfinn, "What is the Finnish phenomenon-based learning approach?".

2 Teacher Magazine, "What is Finland's Phenomenon-based Learning approach?" – beschreibt das Prinzip, ein Thema wie den Klimawandel quer durch die Fächer zu bearbeiten, statt Fächer isoliert zu unterrichten.

3 Fordham Institute, "The rise and fall of Finland mania, part two: Why did scores plummet?" – Mathematik-Mittelwert 2003 bis 2022 minus 79 Punkte; 2022 nicht mehr Platz 1, sondern rund 20.

4 Yle, "Time out: What happened to Finland's education miracle?" – Verdopplung des Anteils schwacher Leser über zehn Jahre; größte Lese-Geschlechterlücke aller 79 Länder in der PISA-Erhebung 2018.

5 Ebd. (Yle). Aino Saarinen, Universität Helsinki, kritisiert den 2016/2017 eingeführten phänomenbasierten Lehrplan, er verlagere zu viel Verantwortung für das eigene Lernen auf die Kinder. Sinngemäße Wiedergabe, kein wörtliches Zitat.

6 Finnish National Agency for Education, "PISA results reflect broader changes in Finnish society".

7 Yle – Jaakko Salo (Lehrergewerkschaft OAJ) führt die Ergebnisse auf Kürzungen der Bildungsausgaben und reduzierte Unterrichtsstunden zurück.

8 Kirschner, P. A., Sweller, J. und Clark, R. E. (2006). "Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work", Educational Psychologist 41(2), 75–86.

9 Ausführlich im Essay „Der letzte Mensch" – dort auch der neurophysiologische Hintergrund (Kandels CREB-Mechanismus: eine dauerhafte Gedächtnisspur entsteht erst, wenn ein Reiz eine Schwelle an Wiederholung oder Anstrengung überschreitet) und Bjorks "desirable difficulties" als psychologischer Zwillingsbegriff.

10 Generative AI and critical thinking in higher education: students' narratives of cognitive offloading, Journal of Information Systems Education; Enhancing Critical Thinking: Interactive Cognitive Offload Instruction with Generative AI, ACM (2025).

11 e-Estonia, "AI Leap 2025: Estonia sets AI standard in education"; Estonian Ministry of Education and Research, "Estonia announces AI Leap programme".

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