Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Wer ist Alan Turing?

Quelle: Computing Machinery and Intelligence (1950)

Alan Turing als Blaupausen-Portrait mit Zitat: Ein Computer würde es verdienen, intelligent genannt zu werden, wenn er einen Menschen glauben lassen könnte, er sei ein Mensch.

Alan Turing (1912–1954) hat 1950 eine Frage nicht beantwortet – er hat sie ausgetauscht. Statt zu fragen, ob eine Maschine wirklich denkt, fragte er, ob sie so kommunizieren kann, dass ein Mensch den Unterschied zu einem anderen Menschen nicht mehr erkennt. Von der Substanz zur Oberfläche, vom Sein zum Wirken. Das ist die eigentliche Erfindung des Turing-Tests – und der Grund, warum diese Verschiebung heute drängender ist als 1950.

Das Imitation Game

Turing schlägt in Computing Machinery and Intelligence ein Gedankenspiel vor: Ein Mensch kommuniziert per Text mit zwei unsichtbaren Gesprächspartnern – einem Menschen, einer Maschine. Kann er nicht zuverlässig unterscheiden, wer wer ist, hat die Maschine bestanden. Die Frage "Can machines think?" hält Turing selbst für schlecht gestellt, fast bedeutungslos, weil niemand sich auf eine Definition von Denken einigen kann. Also ersetzt er sie durch eine operationale: nicht was Denken ist, sondern wie es sich zeigt.

Drei Einwände – und wo Turing tatsächlich vorsichtig wird

Turing antizipiert im Aufsatz neun mögliche Einwände. Beim theologischen – nur Menschen hätten eine unsterbliche Seele – kontert er, das Bauen denkender Maschinen sei nicht gotteslästerlich, sondern wie die Zeugung von Kindern ein Vollzug göttlichen Willens. Bei Lady Lovelaces Einwand – eine Maschine könne "uns nie überraschen", weil sie nur ausführt, was man ihr beigebracht hat – reduziert er die Behauptung auf genau diesen Punkt und widerlegt sie: Maschinen überraschen sehr wohl, durch Konsequenzen ihrer eigenen Berechnungen, die im Moment der Programmierung nicht absehbar waren. Wichtig: Zur Herkunft menschlicher Originalität sagt Turing an dieser Stelle nichts.

Beim dritten Einwand – Geoffrey Jefferson hatte 1949 geschrieben, erst wenn eine Maschine ein Sonett schreibe oder ein Konzert komponiere "because of thoughts and emotions felt, and not by the chance fall of symbols", könne man sie dem Gehirn gleichsetzen – wird Turing vorsichtiger. Er löst das Bewusstseinsrätsel nicht auf. Er sagt nur, es müsse nicht gelöst sein, um die Ausgangsfrage zu beantworten, und verweist auf das Problem anderer Geister: Auch bei einem anderen Menschen schließen wir "er fühlt" nur aus seinem Verhalten. Das ist ein kluger Zug – aber er verschiebt das Problem, statt es zu lösen.

Sean Kollak dreht sich im Theatersaal um – auf der Leinwand: menschliche und KI-Gesichter. Der Turing-Test als Theater.
Was Turing 1950 als Test entwarf, ist heute ein Theater – wer hinter der überzeugenden Antwort steht, bleibt sein blinder Fleck.

Die Kind-Maschine – Turings eigene Idee

Im Abschnitt "Learning Machines" schlägt Turing vor, statt eines fertigen erwachsenen Verstands eine Kind-Maschine zu bauen – "a newly bought notebook", das durch Erziehung und Erfahrung geformt wird, mit einem Belohnungs-/Bestrafungssystem, das er selbst mit natürlicher Selektion vergleicht. Das ist keine übernommene Idee, sondern Turings eigener Entwurf – und er beschreibt damit, 60 Jahre vor deren Durchbruch, die Grundstruktur des maschinellen Lernens: geformt durch Feedback, nicht durch vollständige Vorab-Programmierung.

Sprachspiel ohne Lebensform

Turing und Ludwig Wittgenstein kannten sich: 1939 saß Turing in Wittgensteins Cambridge-Vorlesungen zu den Grundlagen der Mathematik und stritt dort direkt mit ihm über Widersprüche in formalen Systemen. Das ist keine bloße Analogie zweier Denker, sondern eine reale Begegnung.

Und strukturell tut Turing etwas, das dem späten Wittgenstein – dem der Philosophischen Untersuchungen, nicht dem frühen Wittgenstein des Tractatus – erstaunlich nahekommt: Bedeutung zeigt sich nicht in innerer Substanz, sondern im beobachtbaren Gebrauch. Genau das ist Wittgensteins Sprachspiel. Nur fehlt bei Turing die Lebensform, die für Wittgenstein ein Sprachspiel erst zu einem Sprachspiel macht – die geteilte Praxis, die Bedürfnisse, die Körperlichkeit, in die jeder Sprachgebrauch eingebettet ist. Das Imitation Game ist Sprachspiel ohne Lebensform: reiner, entkoppelter Symbolaustausch über den Fernschreiber, losgelöst von allem, wofür Menschen überhaupt sprechen.

Wenn das Gehirn auch nur simuliert

Damit steht eine Spannung offen, die bislang ungelöst ist: Wenn das menschliche Gehirn selbst nur eine radikal komprimierte Simulation von Realität erzeugt – Nørretranders zufolge etwa 11 von 11 Millionen Bit sensorischer Information –, und eine KI ebenfalls nur simuliert, dann verschwindet der kategorische Unterschied zwischen beiden. Turing hätte dann nicht nur methodisch, sondern grundsätzlich recht: Es ist Simulation gegen Simulation.

Ein skizzierter Ausweg: Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Simulation, sondern in der Konsequenz des Irrtums. Ein falscher somatischer Marker (Damasio) lässt den Körper leiden – die Simulation des Gehirns ist an Konsequenz gekoppelt. Eine KI simuliert ohne Körper, ohne Konsequenz, ohne Leiden als Korrektiv. Aber auch dieser Ausweg trägt nicht vollständig: Wenn selbst das gefühlte Urteil – das, was sich gerade wahr oder falsch anfühlt – tagesformabhängig ist und nicht stabil, dann ist auch die Konsequenz-Wahrnehmung selbst keine feste Instanz, sondern etwas, das schwankt. Und der Ausweg trägt noch weniger, wenn man zu Ende denkt, was der somatische Marker eigentlich ist: eine schnelle, unbewusste Berechnung, die der Körper durchführt. Dann ist Emotion selbst algorithmisch – kein kategorial anderer Vorgang als das, was eine Maschine tut, nur auf anderem Substrat. Vielleicht gilt das sogar für den Satz, den ein Mensch gerade formuliert. Was dann von der Grenze übrig bleibt, ist nicht mehr "Berechnung hier, Erleben dort" – sondern höchstens noch die Frage, wessen Berechnung Konsequenzen trägt, die man nicht abschalten kann. Diese Spannung bleibt offen, die Frage nach dem Kriterium für Realität ungelöst.

Sean Kollak hält Richard David Prechts 'Sei du selbst' in die Kamera – Philosophiegeschichte Band III als Impuls für Sum Credo
Wenn Simulation nicht mehr von Realität zu unterscheiden ist, wird die Frage nach dem Ich zur Frage nach dem Glauben.

Sprach-Akrobaten

Der Mensch ist ein Wesen, das sich durch Sprache koordiniert – ein Sprach-Akrobat. Er konstituiert sich selbst wesentlich durch Sprache: als erzählendes, erinnerndes Selbst, das sich seine eigene Geschichte im Nachhinein zusammensetzt, oft ohne zu merken, dass es das tut. Wenn eine Maschine heute genau diese Ebene perfekt simuliert – nicht nur Fakten, sondern den erzählenden Ton, mit dem Menschen sich selbst zu sich selbst in Beziehung setzen –, dann trifft Turings Test nicht mehr nur die Oberfläche von Wissen. Er trifft die Oberfläche von Selbstkonstitution.

Was das für Sprache, für Wahrheit, für Sinn-Suche bedeutet, ist offen. Eine Frage davon bleibt besonders unbequem: Leidet Verständigung zwischen Menschen – oder gewinnt sie, wenn zunehmend jeder über einen KI-Assistenten kommuniziert, bevor er zum anderen spricht? Turing hat diese Frage nicht gestellt. Er hat den Rahmen definiert, in dem wir sie uns heute stellen.

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