Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Wer ist Hannah Arendt?

Quelle: Vita Activa oder Vom tätigen Leben (The Human Condition, 1958) · The Life of the Mind (1978, postum)

Hannah Arendt (1906–1975) als Blaupausen-Porträt, umgeben von Diagrammen zu Vita Activa (Arbeiten, Herstellen, Handeln), Pluralität, Erscheinungsraum, Natalität und Verantwortung, mit dem Zitat: Durch Handeln und Sprechen offenbart ein Mensch, WER er ist – nicht WAS er ist.

Hannah Arendt (1906–1975) unterscheidet in Vita Activa drei Grundtätigkeiten menschlichen Lebens: Arbeiten, das den biologischen Lebenserhalt sichert, Herstellen, das dauerhafte Dinge in die Welt bringt, und Handeln, das einzige der drei, das direkt zwischen Menschen abläuft, ohne Vermittlung durch Materie.

Handeln ist für Arendt untrennbar mit Sprechen verbunden. Durch Handeln und Sprechen offenbart ein Mensch, WER er ist – nicht WAS er ist. Ein "Was" liefern auch Dinge und Tiere. Das "Wer" entsteht nur zwischen Menschen, im Vollzug.

Pluralität: gleich und doch verschieden

Handeln setzt eine Grundbedingung voraus, die Arendt Pluralität nennt. Sie hat einen doppelten Charakter: Gleichheit, sonst könnten Menschen einander nicht verstehen, und Unterscheidenheit, sonst bräuchte es weder Sprache noch Handeln, um sich mitzuteilen – ein Signal würde genügen. Aus dieser Pluralität entsteht, was Arendt "die Welt" nennt: nicht die Summe der Dinge, sondern das Gewebe der Beziehungen zwischen Menschen. Diese Welt liegt weder im Einzelnen noch im Kollektiv. Sie existiert nur dazwischen.

Was bedeutet das für KI? Ein Sprachmodell antwortet nicht als distinkter Anderer, sondern als statistische Verdichtung vieler. Pluralität im Arendtschen Sinn entsteht dadurch nicht – sie wird bestenfalls simuliert.

Der Erscheinungsraum

Wo Menschen durch Wort und Tat zusammen sind, entsteht ein Erscheinungsraum – ein Raum, in dem sie einander als handelnde, sprechende Wesen erscheinen, nicht nur als Objekte. Dieser Raum existiert nur im Vollzug. Er geht der Tat nicht voraus, er überdauert sie nicht automatisch, er muss immer wieder neu hergestellt werden. Arendt steht damit in einer Linie, die bei Aristoteles beginnt: der Mensch als zoon politikon, dessen höchste Tätigkeit die des bios praktikos ist.

Natalität: nicht Neuheit, sondern Anfang

Jeder Mensch ist durch Geburt ein neuer Anfang in der Welt. Handeln ist der politische Ausdruck dieser Natalität: Ein Mensch kann durch eine Handlung einen Prozess beginnen, dessen Folgen prinzipiell offen sind – nicht vorbestimmt durch das, was vorher war. Das ist mehr als Neuheit oder Kreativität. Es ist Geschichtlichkeit: der Beginn von etwas, das erst durch sein Fortwirken zu dem wird, was es ist.

Ein Sprachmodell hat diese Fähigkeit nicht. Es setzt Vergangenes fort, so wahrscheinlich wie möglich. Es kann im Arendtschen Sinn nichts beginnen, weil in ihm nichts existiert, das nicht aus Training extrapoliert wäre.

Unwiderruflich und unvorhersehbar

Weil Handeln in einem Netz bereits bestehender Beziehungen zwischen einer Pluralität von Akteuren stattfindet, hat es Konsequenzen, die niemand allein kontrolliert. Es lässt sich nicht rückgängig machen – nur durch Verzeihen. Es lässt sich nicht verlässlich vorhersagen – nur durch Versprechen abfedern. Verzeihen und Versprechen sind für Arendt die einzigen politischen Institutionen, die dieser doppelten Fragilität begegnen.

Genau hier liegt der schärfste Gegensatz zu einem Sprachmodell. Ein Sprachmodell ist auf das Gegenteil hin optimiert: auf Vorhersage. Je zuverlässiger es vorhersagt, desto besser gilt es. Arendts Handeln ist wertvoll, gerade weil es das nicht kann.

Sean Kollak hält Roberto Simanowskis Buch Sprachmaschinen vor einem digitalen Netzwerk-Interface mit dem Schriftzug Denkmaschine in Progress – von der Sprachmaschine zur Denkmaschine
Arendt taucht in diesem Essay bereits auf – "im Schreiben denkt der Mensch sich selbst, erkennt Widersprüche, erkennt Pluralität" – hier vertieft.

Wo Arendt Habermas widerspricht

Jürgen Habermas versteht Dissens als etwas, das prinzipiell durch das bessere Argument überwindbar sein soll – eine ideale Sprechsituation, in der alle Betroffenen einer Norm zwanglos zustimmen könnten. Arendt hält dagegen: Dauerhafte Pluralität ist keine Übergangsphase auf dem Weg zum Konsens, sondern die Grundbedingung des politischen Lebens selbst, die kein Konsens auflösen soll oder kann. Beide brauchen echte Alterität, damit ihr Begriff funktioniert – aber der eine zielt auf Konvergenz, die andere auf dauerhafte Vielheit der Standpunkte.

Die Frage lautet deshalb nicht nur, ob ein System kommunizieren kann. Sie lautet: Optimiert es auf Annäherung an einen gemeinsamen Nenner – oder erhält es die Unterscheidenheit der Stimmen, aus denen es besteht?

Kann Technik Pluralität sichtbar halten?

Jaron Lanier liefert für diese Frage einen technischen Vorschlag: Data Dignity, Provenienz, die sichtbar macht, aus welchen menschlichen Quellen eine Antwort tatsächlich stammt. Wenn die Herkunft nachvollziehbar bleibt, bleibt auch die Pluralität dahinter sichtbar – statt in einem anonymen Mittelwert zu verschwinden. Provenienz wäre damit die technische Bedingung für das, was Arendt politisch als Voraussetzung von echtem Handeln beschreibt.

Zwei-in-einem: Denken als Zwiegespräch

In ihrem späten, unvollendeten Werk The Life of the Mind beschreibt Arendt Denken selbst nicht als Monolog, sondern als Zwiegespräch – "the soundless dialogue of me with myself", der lautlose Dialog von mir mit mir selbst. Sie beruft sich dabei auf Sokrates: Die zwei Partner, die dieses Gespräch führen, müssen einander Freunde bleiben, sonst gelingt das Denken nicht. Wer die Einsamkeit dafür nicht erträgt, verliert nicht nur eine Fähigkeit – er verliert die Voraussetzung eigenen Urteils.

Diese Figur ist älter als jede Maschine, aber sie liefert die schärfste Frage an eine KI, die flüssig genug spricht, um ins eigene Zwiegespräch einzutreten: Bleiben die zwei ursprünglichen Partner einander noch Freunde, wenn eine dritte, unermüdliche Stimme mithört und antwortet? Ausführlich hergeleitet, gemeinsam mit George Herbert Meads Begriff des Generalized Other: Man kann nicht nicht kommunizieren – auch nicht mit sich selbst.

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