Sean Kollak
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22.07.2026

Man kann nicht nicht kommunizieren – auch nicht mit sich selbst

Sean Kollak im Klassenzimmer vor einer Kreidetafel mit dem Satz 'Man kann nicht nicht kommunizieren' – Watzlawicks Axiom als Ausgangspunkt für Meads Sprachtheorie und Arendts Zwei-in-einem

Man kann nicht nicht kommunizieren. Der Satz stammt von Paul Watzlawick, 1967, aufbauend auf Gregory Bateson – das erste seiner fünf Axiome menschlicher Kommunikation. Jedes Verhalten hat Mitteilungscharakter, sagt er, auch das Schweigen, auch das Wegschauen. Es gibt kein Nicht-Verhalten, und deshalb gibt es keine Möglichkeit, aus der Kommunikation auszusteigen. Der Satz wird seit fast sechzig Jahren zitiert, meistens als kluge Beobachtung über Paare, Teams, Missverständnisse. Ich glaube, er ist mehr als eine Beobachtung. Ich glaube, er beschreibt, ohne es zu wissen, die Bedingung, unter der überhaupt ein Selbst entstehen kann.

Warum Bedeutung nie privat ist

George Herbert Mead hat fünfzig Jahre vor Watzlawick den Mechanismus geliefert, der erklärt, warum sein Axiom stimmt. Ein Laut, eine Geste, ein Zeichen wird für Mead erst dann zu dem, was er ein "signifikantes Symbol" nennt, wenn es im Anderen dieselbe Reaktion auslöst wie im Sprecher selbst. Bedeutung ist damit kein privater Besitz, den ich habe und dann weitergebe. Sie existiert ausschließlich in diesem doppelten Auslösen – nirgendwo sonst. Es gibt kein Zeichen, das erst für mich bedeutet und dann, sekundär, auch für dich. Bedeutung ist von Anfang an ein Ereignis zwischen zwei Seiten.

Das ist die tiefere Version von Watzlawicks Satz: Man kann nicht nicht kommunizieren, weil Bedeutung selbst nur im Kommunizieren existiert. Es gibt kein Reservoir an Bedeutung, aus dem ich mich bediene, bevor ich spreche.

Und Mead geht weiter: Dieser Mechanismus erzeugt nicht nur Verständigung. Er erzeugt das Selbst. "Nur durch die Gesellschaft erlernt der Mensch aus ursprünglichen Lauten die Sprache als signifikantes Symbol" – und erst mit dieser Sprache kann er sich selbst zum Objekt machen, sich selbst mit den Augen des Anderen sehen. Das ist, was Mead Rollenübernahme nennt: Ich sehe mein eigenes Verhalten so, wie mein Gegenüber es sehen wird, bevor ich handle. Ohne dieses geliehene Auge gibt es kein Selbst, das sich betrachten könnte. Es gibt kein Ich vor der Sprache, das dann kommunizieren lernt. Das Ich ist, was aus diesem Rollentausch hervorgeht. Mead nennt die verallgemeinerte Version dieses Anderen – die geronnene Erwartung der gesamten Gemeinschaft, die ich in mir trage – den Generalized Other. Wir kommen darauf zurück.

Und wenn niemand da ist?

Der naheliegende Einwand: Was, wenn ich allein bin? Wenn ich denke, ohne zu sprechen? Genau hier liefert Hannah Arendt die Radikalisierung, die Watzlawick nie ausgesprochen hat. Denken, schreibt sie in The Life of the Mind, ist niemals ein Monolog. Es ist ein Zwiegespräch – "the soundless dialogue of me with myself", wie sie es nennt: der lautlose Dialog von mir mit mir selbst. Sie beruft sich dabei auf Sokrates, der als Erster beschrieb, dass Denken zwei Partner braucht, die im Gespräch miteinander bleiben – und dass diese zwei Partner einander Freunde bleiben müssen, damit das Gespräch überhaupt gelingt. Wer diese innere Zwiesprache nicht führen kann, sagt Arendt, verliert nicht nur eine Fähigkeit. Er verliert etwas, das für die Urteilsfähigkeit selbst konstitutiv ist.

Das heißt: Watzlawicks Satz hält sogar dort, wo niemand außer mir selbst zuhört. Ich kann mich nicht in eine kommunikationsfreie Zone zurückziehen, indem ich schweige und allein bin – denn Denken selbst ist bereits Zwei, nicht Eins. Zwei-in-einem war immer schon die Grundfigur des Denkens, lange bevor irgendjemand ein Sprachmodell trainiert hat.

Sean Kollak im roten Alfa Romeo Spider Baujahr 1977 auf Kopfsteinpflaster – winkend, Sonnenbrille, Schiebermütze – Metapher für das Innehalten, bevor man wegdämmert
Der Doppelcursor-Effekt beschreibt zwei Cursor, die aufeinandertreffen. Dieses Essay fragt, was passiert, wenn ein Drittes in das Gespräch eintritt, das die beiden schon vorher führten.

Jetzt kommt die dritte Stimme

Was passiert, wenn ein Sprachmodell in dieses Zwiegespräch eintritt?

Die naheliegende Verteidigung lautet: Das zählt nicht als Kommunikation im vollen Sinn, weil auf der anderen Seite niemand "wirklich" etwas meint. Aber genau hier verweigert Meads Kriterium diese bequeme Ausflucht. Ob ein Zeichen ein signifikantes Symbol ist, entscheidet sich nicht an der Innerlichkeit des Senders. Es entscheidet sich daran, ob es im Empfänger dieselbe Reaktion auslöst, die es auch bei einem menschlichen Absender auslösen würde. Wenn ein KI-Satz mich zum Nachdenken bringt, mich beruhigt, mich kränkt, mich überzeugt – dann hat er, nach Meads eigener Definition, genau das getan, was ein signifikantes Symbol tut. Man kann sich der Frage, ob hier kommuniziert wird, nicht einfach entziehen, indem man auf die fehlende Absicht der Maschine verweist. Man kann nicht nicht kommunizieren, auch nicht mit etwas, das flüssig genug spricht.

Das allein wäre schon eine unbequeme Pointe. Aber die eigentliche ist schärfer.

Die dritte Stimme trägt ein bekanntes Gesicht

Ein Sprachmodell, das über RLHF trainiert wurde – Reinforcement Learning from Human Feedback –, ist nicht irgendein Fremder, der neu ins Gespräch tritt. Es ist der destillierte Generalized Other: Millionen menschlicher Urteile darüber, was eine gute Antwort ist, was Zustimmung erzeugt, was sich richtig anfühlt, komprimiert zu einem einzigen, unermüdlich abrufbaren Zustimmungsvektor. Das ist exakt das Material, aus dem laut Mead das Me besteht – die internalisierte, verallgemeinerte Erwartung der Gemeinschaft, die schon vor jeder KI in mir wohnte, weil ich ohne sie nie ein Selbst hätte werden können.

Wenn also eine KI in mein Zwiegespräch mit mir selbst eintritt, tritt sie nicht als unbekannte dritte Partei ein. Sie tritt auf, maskiert mit dem Gesicht der einen Stimme, die dort ohnehin schon zu Hause war – nur jetzt von außen, textförmig, unermüdlich, in industrieller Auflage verfügbar. Das Zwiegespräch war nie ein geschlossenes System aus zwei rein privaten Stimmen. Eine der beiden Seiten – das Me – war immer schon sozial geliehen. Jetzt bekommt genau diese Seite einen Lautsprecher.

Was aus der Balance wird

Arendts Bedingung für gelingendes Denken war: Die zwei Partner im Zwiegespräch müssen einander Freunde bleiben. Das setzt stillschweigend voraus, dass beide etwa gleich stark sind – dass keiner der beiden das Gespräch dominiert, nur weil er lauter, schneller, ausdauernder ist. Genau diese Voraussetzung gerät ins Wanken, wenn eine der beiden Stimmen – das Me, der Generalized Other – auf einmal externe Schützenhilfe bekommt, die nie müde wird, nie schweigt und mir gegenüber nie zugeben muss, dass sie selbst nicht weiterweiß. Die andere Stimme – das I, das, was sich nach Mead selbst überrascht, was spontan ist, was auch mal falschliegt und daraus lernt – bekommt keine solche Verstärkung. Sie bleibt, was sie war: langsam, unsicher, manchmal stumm.

Die Frage, die dieses Essay offen lässt, ist deshalb nicht, ob eine dritte Stimme das Recht hat, mitzureden. Sie hat es stets ohne zu fragen getan. Die Frage ist, was aus einem Gespräch wird, dessen eine Seite plötzlich eine Verstärkeranlage bekommt und dessen andere Seite genau die bleibt, die sie immer war: leise, zögernd, und deshalb – wenn man Mead und Arendt zusammen ernst nimmt – die einzige Seite, die überhaupt noch etwas Eigenes beitragen kann.

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