Louis Althusser (1918–1990) war marxistischer Philosoph – und wer das weiß, macht oft den Fehler, früh abzubiegen. Die Ideologie, die Staatsapparate, das Klassenverhältnis: Das klingt nach einem anderen Jahrhundert. Aber Althussers wichtigster Begriff reicht weit über sein politisches Projekt hinaus. Er heißt Interpellation. Und wer ihn einmal verstanden hat, sieht ihn überall.
Das berühmteste Beispiel ist absichtlich banal: Ein Polizist ruft „Hey, Sie da!" auf der Straße. Eine Person dreht sich um. In diesem Umdrehen, sagt Althusser, wird aus einem Individuum ein Subjekt. Nicht: Ich bin ein Subjekt, also reagiere ich auf einen Anruf. Sondern: Der Anruf macht mich zum Subjekt. Er kommt immer zuerst. Das Ich kommt danach.
Der Anruf, der mich erschaffen hat
Meine Mutter. Mein Vater. Meine Familie hat jeden Furz glorifiziert, den ich als Kind produziert habe – und genau darin liegt der Schöpfungsakt, den Althusser meint. Ich bin Peter Pan: der Junge, der nicht aufwachsen will, weil in der Fantasie alles möglich ist. Der tagträumt. Der genialisch denkt. Der Großartiges erreichen und das Abenteuer Leben leben will.
Ich wurde gerufen – als Kreativer, als Träumer – durch die bedingungslose Bestätigung der Familie. Das ist Interpellation in ihrer freundlichsten Form: nicht Kontrolle, sondern Ermächtigung. Der Ruf konstituiert das Subjekt, und welcher Ruf das ist, entscheidet, wer man wird.
Das Gegenbild: die Schule, die diesen Traum austreibt. Auch das ist Interpellation – aber ein anderer Anruf. Das Ergebnis ist kein einfacher Widerspruch, sondern eine produktive Spannung: Träumer und Verantwortungsträger, exzellenter Schüler und Versager, genialer Projektmanager und Niete in privaten Dingen. Mehrere Anrufe, mehrere Subjekte – gleichzeitig. Das ist das ehrliche Bild. Alan Watts hat beschrieben, was passiert, wenn man aufhört, zwischen ihnen zu wählen. Ich wünsche jedem Kind, dass es seine Träume bewahrt – die wir ihm in der Schule austreiben.

Immer-schon – kein Moment vor der Sprache
Althussers radikalste These: Es gibt kein Individuum vor der Interpellation. Kein vorideologisches Selbst, das dann von Sprache und Kultur geformt wird. Das Subjekt ist immer schon interpelliert – durch Familie, Sprache, Schule, bevor es sich selbst denken kann.
„Die Individuen sind immer-schon Subjekte."
Das klingt deprimierend. Es ist präzise. Man kann nicht „außerhalb" der eigenen Sprache denken – weil das Denken, mit dem man sie betrachten würde, selbst in Sprache stattfindet. Ludwig Wittgenstein hat dasselbe von der anderen Seite formuliert: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt." Wittgenstein beschreibt die Grenze. Althusser beschreibt den Mechanismus, der sie erzeugt.
Sprache als Fundament, nicht als Käfig
Hier weiche ich von der naheliegenden Lesart ab. Interpellation klingt nach Gefangenschaft. Ich halte das für den falschen Schluss. Sprache ist kein Gefängnis – sie ist das Fundament, auf dem man baut. Der Mensch kann sich alles vorstellen, aber am Ende immer nur Mensch sein. In hundert Jahren werden wir noch miteinander sprechen, egal wie schnell die Evolution voranschreitet. Sprache ist nicht das Problem der menschlichen Kondition. Sie ist ihre Konstante.
Meditation interessiert mich als Gegenprobe. Was passiert dort konkret? Ruhe vom inneren Monolog. ICH-Losigkeit. Sprache wird durch das Fühlen mit allen Sinnen ersetzt – als würde das Nadelöhr des Bewusstseins geweitet. Aber das ist kein Ausweg aus der Interpellation. Althusser und Meditation operieren auf verschiedenen Ebenen. In der Meditation pausiert man die Sprache. Wenn man aufsteht, ist man wieder Subjekt – gerufen von denselben Stimmen wie vorher.
