Viktor Frankl (1905–1997) ist kein Philosoph, der über Sinn nachgedacht hat. Er ist jemand, der die härteste denkbare Bedingung für diese Frage erlebt hat: vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz und Dachau. Sein Buch „...trotzdem Ja zum Leben sagen" ist kein theoretisches Werk. Es ist ein Erfahrungsbericht, dem eine Theorie gewachsen ist. Und diese Theorie beginnt mit einer Feststellung, die mich sofort getroffen hat: Was den Menschen zerstört, ist nicht Schmerz. Es ist sinnloses Leiden.
Frankl war Psychiater – und damit gezwungen, das, was er beobachtete, in ein klinisches System zu überführen. Er nannte es Logotherapie: eine Form der Psychotherapie, die nicht das Trauma bearbeitet oder den Trieb analysiert, sondern eine einzige Frage stellt: Wozu? Nicht: Was hat mir das angetan? Sondern: Wofür kann ich das nehmen?
Er beschreibt drei Quellen, aus denen Sinn entstehen kann. Der schöpferische Wert: was ich erschaffe und der Welt hinterlasse. Der Erlebniswert: was ich erfahre – Begegnungen, Schönheit, die Vollständigkeit eines Moments. Und der radikalste der drei: der Einstellungswert. Selbst wenn Schaffen und Erleben weggenommen werden – die Haltung gegenüber dem Unvermeidlichen bleibt frei wählbar. Das ist keine Spekulation. Er hat es empirisch bewiesen. Im KZ gab es Menschen, die im Angesicht vollständiger Entmachtung ihre innere Freiheit behielten.
Das existenzielle Vakuum
Was Frankl das existenzielle Vakuum nennt, ist das eigentliche psychologische Leiden der Moderne: nicht Schmerz, nicht Hunger – innere Leere. Das Gefühl, dass das Leben keinen Boden hat. Tradition und Instinkt haben aufgehört, Orientierung zu geben. Der Mensch muss seinen Sinn selbst wählen – und das überfordert. Konformismus und Totalitarismus sind für Frankl Symptome: Tun, was alle tun; Tun, was man befiehlt – beides als Flucht vor der Freiheit, die überfordert.
Mit 19 Jahren habe ich meinen Glauben an Gott abgelegt. Was damals blieb, war keine Erleichterung – es war ein Rahmenbruch. Eine Erzählung, die das Leben zusammengehalten hatte, war weggefallen. Was danach kam – Existentialismus, Betäubung, die Reise nach Indien auf den Spuren Buddhas – war, in Frankls Sprache, die Suche nach einer Erzählung, die stark genug ist, das Vakuum zu füllen. Den Existentialismus habe ich dafür zu kalt gefunden. Er diagnostiziert die Freiheit – er heizt sie nicht.
Ich habe keine fertige Antwort gefunden. Ich habe einen Satz gefunden: Gedanken haben Gewicht. Das ist kein Trotzdem-Optimismus. Es ist die Umkehrung von Gleichgültigkeit. „Es ist egal" ist keine neutrale Haltung – es ist ein aktiver Erosionsprozess. Synapsen, die in Sorgen-Schleifen feuern, vertiefen diese Bahnen. Wer aufhört, dem eigenen Denken Bedeutung zuzuschreiben, betreibt Selbstauflösung in Zeitlupe. Frankl würde das als Kapitulation vor dem Vakuum beschreiben.

Wo ich Frankl verlasse
Frankl sagt: Sinn wird gefunden, nicht erschaffen. Er ist schon da – man muss ihn entdecken. Das ist sein Kernunterschied zu Nietzsche, der Werte erschaffen wollte. Ich halte diese Unterscheidung für eine falsche Alternative.
Als Künstler stehe ich auf der Seite des Erschaffens. Aber was passiert im Flow-Moment selbst? Der Körper wird zum Kanal, durch den sich etwas Bahn bricht – nicht ich erschaffe, es entsteht durch mich. Der Widerspruch Frankl/Nietzsche löst sich nicht durch Wahl, sondern durch Ebene: Auf der Planungsebene erschaffe ich. Im Vollzug finde ich.
Was den Kanalzustand verhindert, habe ich am eigenen Leib gelernt: der Wille, Übermenschliches leisten zu wollen. Der Übermensch will noch, steuert noch. Der Kanal lässt los. Selbstüberwindung ist nicht Willensanstrengung. Sie ist Loslassen des Kontrollwillens.

Was ich bei Frankl gefunden habe
Eine klinische Bestätigung für eine Überzeugung, die ich schon hatte. Das Schlimmste ist nicht der Schmerz, nicht das Scheitern, nicht der Verlust. Das Schlimmste ist die Empfindung, dass das alles für nichts ist. Frankl hat das aus der extremsten denkbaren Situation heraus beschrieben – und dadurch universell gemacht.
Was mich daran hält: Er hat den Einstellungswert nicht als letzten Trost formuliert, sondern als letzte Freiheit. Das ist ein Unterschied. Trost setzt voraus, dass etwas falsch gelaufen ist. Freiheit setzt voraus, dass noch etwas in meiner Hand liegt. Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum liegt die menschliche Freiheit.
Den Einstellungswert habe ich körperlich erfahren – im Snow Blizzard auf einer Bergwanderung in Indien, im Eisbad, in dem Moment, wenn der Schmerz aufgehört hat, Feind zu sein. Nicht Freund – aber nicht mehr Feind. Das ist Frankls kleinste Einheit von Freiheit: die Haltung wählen, auch wenn nichts anderes mehr wählbar ist.
Was ich noch nicht geklärt habe: Was sich zeigt, wenn alle Erzählungen und alle Geräusche aufgehört haben. Frankl nennt das, was bleibt, Sinn. Der Buddhismus nennt es anders – nicht als Inhalt, sondern als Zustand. Diese Frage steht offen.
