Sean Kollak
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21.05.2026

Die nützliche Fiktion

Sean Kollak hält eine 2-Euro-Münze vor einen Krypto-Trading-Bildschirm – Beschriftung FIAT ≠ REAL, GELD IST EINE VEREINBARUNG, im Hintergrund Bitcoin- und Euro-Kursdaten

Das Kind lügt zum ersten Mal. Das ist kein moralisches Versagen – es ist der Beweis, dass es etwas verstanden hat, das die meisten Erwachsenen nie in Worte gefasst haben: Der Andere hat eine Realität im Kopf. Und diese Realität lässt sich formen.

Das setzt Theory of Mind voraus – die Fähigkeit, dem Gegenüber einen Bewusstseinszustand zuzuschreiben, der sich von meinem unterscheidet. Es setzt ein Verständnis von Täuschung voraus: dass Sprache etwas anderes sagen kann, als es ist. Und es setzt ein Konzept des Anderen voraus: jemanden, dessen Realität von meiner verschieden ist – und daher formbar.

Harari beschreibt dasselbe für die Spezies. Vor etwa 70.000 Jahren entwickelte Homo sapiens die Fähigkeit, nützliche Fiktionen zu erzählen – Geschichten, an die Millionen Menschen glauben konnten, ohne sich je begegnet zu sein. Geld. Götter. Nationen. Unternehmen. Das war nicht Täuschung. Das war die effizienteste Koordinationsarchitektur, die die Evolution je produziert hat.

Der Energiespar-Mechanismus der Zivilisation

Intersubjektive Realitäten haben einen Vorteil, den wir selten benennen: Sie sind effizient. Einmal etabliert, laufen sie fast ohne kognitiven Aufwand. Du nimmst Geld, ohne jedes Mal zu prüfen, ob es wirklich Wert hat. Du folgst Gesetzen, ohne jedes Mal die Rechtsphilosophie dahinter zu erwägen. Du vertraust Institutionen – solange sie funktionieren – ohne täglich nachzurechnen, ob das Vertrauen berechtigt ist.

Information ist nicht Darstellung, sondern Verbindung. Die Macht von Geld liegt nicht darin, was es ist – sondern was es koordiniert. Es verbindet Millionen Menschen in ein Verhaltensprotokoll, ohne dass jemand das Protokoll je unterschrieben hat. Das war der eigentliche Quantensprung der kognitiven Revolution: nicht Intelligenz, nicht Werkzeug, nicht Sprache an sich. Sondern die Fähigkeit, Koordination zu erzeugen - und eine gemeinsame Ordnung zu schaffen. Eine geteilte Geschichte, die Menschen koordiniert wie ein unsichtbarer Code.

Sean Kollak als Blaupausen-Wireframe hält eine 2-Euro-Münze in die Kamera – Beschriftung INTERSUBJEKTIV, im Hintergrund technische Diagramme zu Finanzsystemen und kollektiver Realität
Was intersubjektive Realitäten sind – und warum Geld, Götter und Nationen existieren, ohne in einem einzigen Kopf zu wohnen.

Was KI damit macht – und was nicht

Hier liegt das Missverständnis, das die Debatte immer wieder verzerrt: KI produziere neue Mythen. Das stimmt nicht. Und der Unterschied ist entscheidend.

Ein Mythos entsteht durch kollektives Glauben – durch wiederholtes Erzählen, durch Resonanz zwischen Erzähler und Zuhörer, durch soziale Trägerschaft, die über Zeit wächst. Der Erzähler riskiert etwas: seine Glaubwürdigkeit, seinen Status, seine Beziehungen. Theory of Mind ist die Bedingung: Der Erzähler weiß, was der Andere glauben will – und bedient das mit echten Konsequenzen für sich selbst.

KI hat keine Theory of Mind. Sie simuliert sie – mit einer Überzeugungskraft, die täuscht. Kein Risiko bei Fehlern. Keine sozialen Kosten. Keine Glaubwürdigkeit, die verloren gehen könnte. Was KI produziert, sind keine neuen Fiktionen. Es sind die statistischen Exkremente unserer alten Erzählungen: Texte, die überzeugend klingen, kohärent gebaut, emotional stimmig – aber ohne die kollektive Trägerschaft, die eine Geschichte erst zur Realität macht.

KI ist kein Wirklichkeitsgenerator. Sie ist ein Wirklichkeitssimulator. Und dieser Unterschied ist nicht akademisch – er ist die Bedingung, um die eigentliche Herausforderung zu verstehen.

Sean Kollak fotografiert sich in einem runden Spiegel – rekursive Spiegelung mit Smartphone: KI als Spiegel des Selbst
Was passiert, wenn die Simulation nicht lügt – sondern bestätigt. Und warum das subtiler gefährlicher ist als jede Lüge.

Die eigentliche Herausforderung: Orientierung

Propaganda gab es immer. Lügen, Gerüchte, manipulierte Erzählungen – das ist so alt wie Sprache selbst. Das ist nicht neu.

Neu ist: Die Form von Wahrheit lässt sich jetzt vollständig simulieren. Konsistenz, Quellenangaben, Ton, Struktur, argumentative Kohärenz – alles davon kann KI erzeugen, ohne dass irgendetwas davon stimmt. Der Mensch ist kein Wahrheitserkenner. Er ist ein Mustererkenner. Was plausibel klingt, konsistent ist und von einer scheinbar vertrauenswürdigen Quelle kommt, passiert die erste Prüfstufe – bevor jemand den Inhalt überprüft hat.

Das Problem ist nicht die einzelne Lüge. Das Problem ist die Überforderung des Prüfsystems. Wenn alles gleichzeitig wahr und falsch sein könnte, und die Prüfung jeder Aussage kognitiven und zeitlichen Aufwand kostet, kollabiert das System nicht durch falsche Informationen. Es kollabiert durch Erschöpfung. Der Mensch flüchtet dann nicht zur wahren Geschichte – sondern zur emotionalsten, einfachsten. Nicht aus Dummheit. Aus einem erschöpften Nervensystem.

Die Eskalationslinie

Das geschieht nicht in einem Moment. Es ist eine Bewegung in drei Schritten: Simulation flutet den Informationsraum. Orientierungsverlust folgt – nicht als Erkenntnis, sondern als schleichende Erschöpfung der Prüfkompetenz. Dann kollabiert das, was Harari als entscheidend beschreibt: die Selbstkorrektur. Demokratien funktionieren nicht, weil sie immer Recht haben – sondern weil sie Mechanismen besitzen, Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Presse, Opposition, Gerichte, Wahlen. Diese Mechanismen brauchen Zeit, Unterscheidungsfähigkeit und ein Mindestmaß an gemeinsamer epistemischer Basis.

Wenn die Unterscheidungsfähigkeit kollabiert, kollabiert die Selbstkorrektur zuerst. Erst dann – nicht sofort, nicht durch KI direkt, sondern durch das Vakuum, das das kollabierte Korrektiv hinterlässt – beginnen intersubjektive Realitäten sich zu deformieren. Nicht weil KI neue Mythen erschaffen hat. Sondern weil die Bedingung, unter der falsche Realitäten erkannt werden, nicht mehr besteht.

Die gegenseitige Abhängigkeit

Hier ist das, was in dieser Debatte meistens fehlt: KI ist kein äußerer Angreifer auf menschliche Wirklichkeit. Sie ist eine Erweiterung davon – und von ihr abhängig.

Das Modell braucht menschliche Daten: diverse, unvorhersehbare, echte Inputs – Texte, die aus gelebter Erfahrung entstehen, aus Reibung, aus Widerspruch, aus der Lüge des Kindes, die eine echte Theory of Mind voraussetzt. Wenn die Datenökologie durch homogenisierte KI-Outputs kollabiert – wenn Modelle mit Modell-Outputs trainiert werden –, verhungert das Modell zur statistischen Mitte. Das ist Model Collapse: nicht technisches Versagen, sondern Inzucht. Die seltenen, kreativen, überraschenden Daten-Tails verschwinden iterativ. Was bleibt, ist das Durchschnittlichste, was je geschrieben wurde.

Der Planet zahlt dafür mit Strom. Das Modell zahlt dafür mit abnehmender Diversität. Und der Mensch zahlt dafür mit Orientierungsverlust – weil immer mehr von dem, was er konsumiert, aus dem statistischen Mittel destilliert wurde statt aus gelebter Erfahrung.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI neue Mythen erschafft. Die Frage ist: Wer noch die Fähigkeit hat, echte von simulierten Geschichten zu unterscheiden – und was es kostet, diese Fähigkeit zu erhalten. Nicht als Technologieresistenz. Als Orientierungskompetenz. Die Fähigkeit zu fragen: Was ist die Geschichte? Wer trägt sie? Und was koordiniert sie wirklich?

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