Sean Kollak
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Begriff & Kontext

Was sind intersubjektive Realitäten?

Quelle: Yuval Noah Harari – Nexus (2024) + Sapiens (2011)

Sean Kollak als Blaupausen-Wireframe hält eine 2-Euro-Münze in die Kamera – Beschriftung INTERSUBJEKTIV, im Hintergrund technische Diagramme zu Finanzsystemen, Weltkarte und kollektiver Realität

Ein Geldschein ist Papier. Das ist die objektive Wahrheit. Und trotzdem funktioniert er. Nicht weil er intrinsischen Wert besitzt – sondern weil genug Menschen dieselbe Geschichte darüber erzählen. Hören sie auf, kollabiert der Wert. Das ist keine Metapher für die Macht von Überzeugungen. Das ist Ontologie: eine Beschreibung der Struktur der Wirklichkeit selbst.

Die meisten Menschen unterscheiden stillschweigend zwei Arten von Wirklichkeit. Das, was unabhängig von jedem Bewusstsein existiert – Steine, Asteroiden, physikalische Gesetze. Und das, was nur im individuellen Bewusstsein existiert – Schmerz, Liebe, Angst. Objektiv auf der einen Seite, subjektiv auf der anderen.

Yuval Noah Harari hat in Sapiens (2011) eine dritte Ebene beschrieben und in Nexus (2024) präzisiert: die intersubjektive Wirklichkeit. Gesetze existieren in keinem Stein und in keinem einzelnen Kopf. Götter existieren nicht physisch und nicht rein subjektiv. Geld, Nationen, Unternehmen, Menschenrechte – sie alle existieren in keinem einzigen Kopf, aber in Millionen gleichzeitig. Nur in den Geschichten, die Menschen einander erzählen. Und Hararis entscheidende Formulierung, präziser als alles, was er in Sapiens geschrieben hat: Der Informationsaustausch stellt nicht dar, dass diese Dinge existieren – er erschafft sie erst.

Das ist der Punkt, an dem die meisten stolpern. Intersubjektive Realitäten sind keine Illusionen, die durch Aufklärung verschwinden. Sie sind real – real genug, um Kriege zu beginnen, Kooperationen zu ermöglichen, Menschen zu schützen oder zu vernichten. Aber ihre Realität hängt an einem Faden: dem gemeinsamen Erzählen. Hören genug Menschen auf, dieselbe Geschichte zu erzählen, hört das Ding auf zu existieren. So verschwinden Währungen. So sterben Götter. So zerfallen Imperien.

Sean Kollak fotografiert sich in einem runden Spiegel – KI als Spiegel des Selbst, rekursive Spiegelung
Was passiert, wenn das mächtigste Narrativ-Werkzeug der Geschichte in denselben Mechanismus eingreift – und die Geschichten, die wir einbringen, eloquenter macht statt zu hinterfragen.

Der Mensch als Erzähltier

Homo sapiens ist die einzige Spezies, die intersubjektive Realitäten erzeugen kann. Samira El Ouassil und Friedemann Karig nennen ihn deshalb in Erzählende Affen (2021) den homo narrans – das narrative Tier. Nicht Logik ist das Betriebssystem sozialer Wirklichkeit, sondern Erzählung.

Das erklärt, was Biologie allein nicht erklären kann: warum eine Spezies ohne Reißzähne, ohne Klauen, ohne überlegene Körperkraft die Erde dominiert. Nicht durch Stärke – durch die Fähigkeit, im großen Maßstab an dieselben Geschichten zu glauben. Schimpansen kooperieren in Gruppen von 20 bis 150. Homo sapiens kooperiert in Millionen, Milliarden – weil er nicht persönlich bekannt sein muss mit jemandem, sondern nur dieselbe Erzählung kennen. Das ist der eigentliche Quantensprung der kognitiven Revolution vor etwa 70.000 Jahren.

Mythos ist keine Lüge

Hier liegt ein verbreitetes Missverständnis. Mythen – kollektive Konstruktionen wie Religionen, politische Systeme, Marken, Nationalidentitäten – sind keine Lügen, die durch bessere Information korrigiert werden könnten. Eine Lüge ist ein degenerierter Mythos: jemand benutzt die Mechanismen kollektiver Konstruktion für privaten Vorteil, ohne kollektive Trägerschaft. Mythen dagegen funktionieren nicht trotz ihrer Konstruiertheit. Sie funktionieren wegen ihr.

Das ist der Grund, warum rationale Argumente gegen Mythen so selten wirken. Man kämpft gegen das falsche Ziel. Die Frage ist nie: Ist diese Geschichte wahr? Die Frage ist: Teilen genug Menschen diese Geschichte? Und: Was leistet sie für diejenigen, die sie tragen?

Mythen geben etwas, das Physik, Chemie und Biologie nicht geben können: Sinn. Eine Antwort auf die Frage, warum es sich lohnt, morgen aufzustehen. Warum ein Opfer sich rentiert. Warum etwas größer ist als der eigene Tod. Das ist keine Schwäche der menschlichen Kognition – es ist ihre produktivste Eigenschaft.

Die Konsequenz

Wer versteht, wie intersubjektive Realitäten funktionieren, kann nicht mehr naiv an ihnen teilnehmen. Aber das ist kein Ausstieg – es ist eine Verschiebung der Verantwortung. Wer die Mechanismen kennt, trägt Mitverantwortung für die Geschichten, die er erzählt oder schweigend bestätigt. Populisten haben das verstanden: Sie schreiben einfache Erzählungen, weil einfache Erzählungen Kohärenz bieten. Das Gegenprogramm ist nicht Faktenchecking – es ist ein Narrativ, das komplex genug ist, um ehrlich zu sein, und einfach genug, um zu verbinden.

Sean Kollak hält eine 2-Euro-Münze vor einen Krypto-Trading-Bildschirm – FIAT ≠ REAL, GELD IST EINE VEREINBARUNG
Was passiert, wenn das mächtigste Erzählwerkzeug der Geschichte intersubjektive Realitäten nicht erschafft – sondern simuliert. Und warum das ein grundlegend anderes Problem ist.
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