Sean Kollak
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22.04.2026

Fachkräftemangel: Wenn das Wissen mit dem letzten Meister ausstirbt

Sean Kollak legt weiße Blumen auf einen verwitterten Grabstein mit der Inschrift Der letzte Meister – Wissens-Entropie im deutschen Mittelstand

Hannover Messe 2026. Überall Roboter, Automatisierung, KI-Demos. Johann Reiche, Bitkom-Vizepräsident, sagt das, was alle hören wollen: KI ist die Überlebenschance des Industriestandorts. Der Saal applaudiert.

Ich nicht. Ich denke an eine andere Frage – eine, die niemand laut stellt: Wofür soll dieser Industriestandort in Zukunft stehen? Für KI Made in USA?!

Die Klage, die vom eigentlichen Problem ablenkt

Die politische Erzählung ist bekannt: Fachkräftemangel. Die Z-Generation will nur noch Work-Life-Balance. Der Mittelstand leidet. Das ist nicht falsch. Aber es ist eine Projektion.

Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist unverhandelbar: In einem geschlossenen System nimmt die Unordnung immer zu. Energie dissipiert. Ordnung zerfällt. Information geht verloren. Rudolf Clausius hat das 1865 formuliert – für Gase, für Galaxien, und, ob wir es wollen oder nicht, auch für GmbHs.

Ein Unternehmen ohne aktives Wissenssystem verhält sich wie ein geschlossenes System. Prozesse veralten, ohne dass jemand es merkt. Wissen fragmentiert in Köpfen und E-Mail-Postfächern. Entscheidungsregeln werden implizit – sie existieren, aber niemand kann sie aufschreiben. Das ist keine dramatische Katastrophe. Es ist schleichend, täglich, unsichtbar. Bis es wehtut.

Wenn neue Mitarbeiter als "zu langsam" oder "zu anspruchsvoll" wahrgenommen werden: Das ist kein Generationen-Problem. Das ist Wissens-Entropie, die nach außen projiziert wird. Das Unternehmen hat kein System, das neue Menschen schnell wirksam macht. Die Überforderung der Neuen ist eine direkte Folge – nicht ihrer Einstellung, sondern der Unzugänglichkeit des Wissens.

Was Schrödinger mit Firmenwissen zu tun hat

Erwin Schrödinger beschrieb 1944 das Grundprinzip des Lebens: Ein Organismus erhält sich, indem er kontinuierlich Negentropie aus seiner Umwelt aufnimmt – hochgeordnete Energie ein, Unordnung raus. Hört dieser Prozess auf, stirbt er. Nicht sofort. Unausweichlich. Schrödinger erkannte noch etwas: Die DNA ist die älteste Negentropie-Maschine der Natur. Sie sichert genetisches Wissen über Generationen gegen den Zerfall. Das Wissen, das ein Lebewesen braucht, ist kodiert – explizit, übertragbar, stabil.

Der deutsche Mittelstand hatte sein Äquivalent: die Meister-Tradition. Wissen wurde durch Apprenticeship weitergegeben – körperlich, dialogisch, im geteilten Kontext der Werkstatt. Der Lehrling lernte nicht durch Handbücher, sondern durch Teilhabe. Michael Polanyi nannte diesen Mechanismus "tacit knowing in shared practice". Es funktionierte Jahrhunderte lang, weil der Kontext konstant war.

Sean Kollak nachdenklich vor Philosophie-Regal – implizites Wissen lässt sich nicht aufschreiben
Warum das meiste Wissen, das in Unternehmen wirklich zählt, nie aufgeschrieben wurde – und was das für die KI-Einführung bedeutet.

Aber der Kontext hat sich verändert. Die Meister sterben aus. Der Generationenübergang beschleunigt sich. Das Wissen stirbt in Köpfen, kurz vor der Rente – nie explizit gemacht, nie strukturiert, nie übertragbar geworden. Das ist kein Work-Life-Balance-Problem. Das ist ein Überlieferungsbruch. Und er ist physikalisch messbar: Einarbeitungszeiten steigen. Fehler werden wiederholt, die schon einmal gemacht wurden. Kundenbeziehungen zerreißen, weil das Kontextwissen weg ist. Kein CFO bucht "Wissensverlust durch Fluktuation" – aber er ist real.

Der Bifurkationspunkt: Der Mittelstand am Scheideweg

Ilya Prigogine hat 1977 gezeigt, was mit offenen Systemen passiert, wenn sie in Instabilität geraten. Sie kommen an einen Bifurkationspunkt – einen Entscheidungsmoment, der nicht beliebig verschiebbar ist.

Zwei Wege gabeln sich: Kollaps oder Sprung. Das System reorganisiert sich auf niedrigerem Niveau – weniger Komplexität, weniger Kapazität. Oder es erfindet eine neue Ordnungsebene, eine, die vorher nicht möglich war.

Viele Mittelstandsunternehmen stehen genau hier. Der Moment ist von außen erkennbar, bevor er von innen gespürt wird: Die Kommunikation widersprüchlich – Website sagt eins, Vertrieb anderes. Das Onboarding strukturlos – jeder Neue lernt es anders, niemand lernt es richtig. Die Strategie implizit – jeder "weiß" sie, aber keiner kann sie aufschreiben. Das Unternehmen kommuniziert sich selbst nicht mehr kohärent.

Der Fachkräftemangel ist nicht Ursache. Er ist Signal – das Signal, dass der Bifurkationspunkt erreicht ist.

Was Reiche nicht gefragt hat

Prigogine nannte sein Hauptwerk "Vom Sein zum Werden". Er meinte damit: Die entscheidende Frage ist nicht, was ein System ist – sondern was es wird. Ob es wächst oder zerfällt. Ob es Ordnung erzeugt oder Entropie akkumuliert.

Johann Reiche hat auf der Hannover Messe die richtige Frage gestellt – aber auf der falschen Ebene. Die Frage ist nicht, ob KI die deutsche Industrie retten kann. Die Frage ist, was KI vorfinden wird, wenn sie anfängt zu helfen.

KI verstärkt, was da ist. Sie ordnet explizites Wissen, macht es zugänglich, macht es schnell. Was sie nicht kann: implizites Wissen rekonstruieren, das nie explizit wurde. Was im Kopf des Meisters gestorben ist, ist weg. Kein Modell der Welt kann es zurückbringen.

Die Überlebenschance, von der Reiche spricht, hat eine stille Voraussetzung: Das Wissen muss zuerst überleben. In expliziter Form. Strukturiert. Übertragbar. Bevor der letzte Meister geht.

Das "Werden" der deutschen Industrie hängt nicht an der Technologie. Es hängt daran, ob das Wissen den Übergang überlebt.

Wer das unternehmerisch angeht: Die Methode dahinter beschreibe ich bei AGILERO.

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