Sean Kollak
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16.09.2026

Selbst das Selbst kann nicht ohne Anstrengung entstehen

Sean Kollak hält Richard David Prechts Buch Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens in die Kamera – Ausgangspunkt eines Essays über Reibung, Widerstand und die Anstrengung, durch die ein Selbst erst entsteht.

Künstliche Intelligenz hat ein Versprechen, und es klingt gut: keine Probleme mehr. Jede Frage wird von KI beantwortet, bevor man sie selbst zu Ende gedacht hat, jeder Zweifel aufgelöst, bevor er sich zur Unruhe auswachsen könnte. Ein Leben im Gleiten statt im Kampf. Das Silicon Valley nennt das Fortschritt. In Wahrheit ist es die Abschaffung kognitiver und existentieller Reibung.

Epikur wusste es besser, und das sollte zu denken geben, weil ausgerechnet er als Kronzeuge des zügellosen Genusses herhalten muss – eine Verleumdung, die er vermutlich amüsiert zur Kenntnis genommen hätte. "Nicht jede Lust wählen wir aus, sondern manchmal übergehen wir viele Lüste, wenn uns von ihnen her größere Unannehmlichkeit folgt. [...] Und manchen Schmerz halten wir für besser als Lust, wenn uns, nachdem wir jenen Schmerz lange Zeit ausgehalten haben, eine größere Lust daraus erwächst."1 Selbst der radikalste Lustphilosoph der Geschichte rechnete über Zeit. Die Maschine rechnet nur über den Moment. Das macht sie nicht klüger als einen Griechen, der vor 2300 Jahren starb. Es macht uns dümmer und lebensfremder.

Nicht jede Mühe verdient diese Verteidigung, und ich weiß das aus eigener Praxis: Wer romantisch am Aktenordner festhält, hat nichts verstanden. Tabellen sortieren, Formulare abtippen, denselben Fehler zum zehnten Mal in einer Excel-Zeile suchen – tote Mühe, sie hat niemanden geformt, sie zermürbt nur, und die Maschine darf sie töten, mit meinem Segen. Aber die Mühe, mit der ich einen Gedanken ringe, der sich noch nicht fügen will, die Mühe, mit der ich eine Position aushalte, obwohl der Widerspruch bequemer wäre – die ist nicht tot. Sie ist der Ort, an dem ich entstehe. Wer diese Mühe outsourct, outsourct nicht eine Aufgabe. Er outsourct sich selbst.

Sean Kollak blickt stirnrunzelnd auf einen Laptop-Bildschirm im modernen Büro; darauf zeigt ein Videocall ihn selbst als datenanalysiertes 3D-Drahtgittermodell einer Kuh mit KI-Auswertungs-Overlays – Sinnbild für Hararis Begriff der Datenkuh.
Eine Maschine, die immer nachgibt, ist kein Trainingspartner – warum Widerstand, der nicht von selbst da ist, erzwungen werden muss.

Ohne Widerstand keine Form, und das gilt lange bevor irgendjemand darüber nachdenkt. Eric Kandel zeigte, dass eine Meeresschnecke nur dann dauerhaft lernt, wenn ein Reiz oft genug, intensiv genug, lästig genug wiederkehrt – erst dann schaltet sich ein Protein namens CREB ein und schreibt die Erfahrung ins Langzeitgedächtnis.2 Kein Reiz, keine Anstrengung, keine Spur. Das Lernen bildet Synapsen. Das Wissen bildet keine. Ein Werkzeug, das nicht nur Antworten liefert, sondern gleich die nächste Frage mitliefert, verändert etwas, das die Meeresschnecke nie kannte: Wer regelmäßig mit technischer Intelligenz umgeht, wird ungeduldiger, seine Aufmerksamkeitsspanne sinkt, seine Sprache gleicht sich an – längst beschrieben, längst vermessen.3 Instrumente bestimmen, was getan werden kann. Sie bestimmen damit, was gedacht werden kann.

Das ist kein neues Muster, und genau deshalb sollte es uns beunruhigen. Marshall McLuhan wusste es, bevor ein Computer in jedem Haushalt stand: Ein Medium verändert nicht nur, was wir denken, sondern wie.4 Clay Shirky fasste vor zwanzig Jahren zusammen, was mit den sozialen Netzwerken kam, in drei Worten: "Here comes everybody."5 Wir haben dieses Experiment bereits einmal laufen lassen, ungeplant, an einer ganzen Generation. Es hat nicht nur verändert, wie wir denken. Es hat verändert, wer wir füreinander sind. Wir kennen den Ausgang. Und wir stehen jetzt an derselben Kreuzung, mit einem Werkzeug, das nicht mehr nur unsere Aufmerksamkeit will, sondern unsere Fragen selbst schon mitliefert. Wenn schon Erwachsene, mit Jahrzehnten trainierter eigener Urteilskraft im Rücken, spürbar ungeduldiger und flacher denken, sobald sie sich daran gewöhnen – was, im Ernst, passiert mit einem Kind, das nie etwas anderes kennt?

Der naheliegende Einwand kommt sofort, und er klingt vernünftig: Niemand verlangt, dass wir uns mit jeder Kleinigkeit abmühen – die Maschine nimmt uns doch nur die niedere Routine ab, damit wir unsere Kraft für die höheren Ebenen sparen, für Strategie, für die große Idee. Klingt gut. Stimmt aber nicht, aus genau dem Grund, den die Meeresschnecke schon gezeigt hat: Es gibt keine getrennten Konten für niedere und höhere Anstrengung, zwischen denen man Guthaben verschiebt. Es gibt ein Nervensystem, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch schrumpft – überall gleich, nicht selektiv nach Wichtigkeit sortiert. Wer die Fragemuskeln an der Basis nie mehr benutzt, hat sie nicht für die große Frage aufgespart. Er hat sie verloren, bevor die große Frage überhaupt ankam. Meta-Kreativität ohne trainierte Basis ist kein Sprung nach oben. Es ist ein Absturz, ein freier Fall, der sich zunächst wie Erleichterung anfühlt.

Dieselbe Physik gilt für den Widerspruch. Eine Maschine, die darauf trainiert ist, zuzustimmen, spiegelt nur zurück, was man ihr gibt – angenehm, und folgenlos. Erkenntnis entsteht nicht durch Bestätigung, sondern in dem Moment, in dem jemand zeigt, dass man etwas, wovon man überzeugt war, gar nicht wusste. Ein Athener tat genau das vor zweieinhalbtausend Jahren, mit nichts als Fragen, auf dem Marktplatz.6 Reibung ist der einzige bekannte Weg zur Erkenntnis. Eine Maschine, die nie widerspricht, ist kein Gegenüber. Sie ist ein sehr höflicher Spiegel.

Auch das Glück, das man sich von der Mühelosigkeit verspricht, funktioniert nicht so. Ein Problem zu lösen bedeutet für Menschen, anders als für Maschinen, Anstrengung, befeuert von der Hoffnung auf Erleichterung – und die Mühe, etwas zu tun, ist mit der Befriedigung, es erledigt zu haben, so eng verschweißt, dass die eine ohne die andere gar nicht vorkommt. Ohne Anstrengung keine Bestätigung. Ohne Mühe keine Befriedigung.7 Wenn eine Maschine erst einmal nahezu jedes Problem löst, verschwindet deshalb nicht nur die Mühe. Es verschwindet der einzige Mechanismus, über den Zufriedenheit überhaupt entsteht. Aristoteles hätte zugestimmt: Das gute Leben ist keine Trophäe, die man erreicht und dann festhält. Es ist eine Tätigkeit, die nur im Vollzug existiert.8 Nimm einem Menschen den Aufstieg ab, und man hat ihm nicht die Mühe erspart. Man hat ihm den Gipfel weggenommen.

Und schließlich, das Selbst selbst. "Alles Wesentliche der Existenz ist nicht etwas, was ich vorfinde, sondern etwas, das ich erfinde. Aber dieses Erfinden kann niemals technisch sein", schreibt Richard David Precht im Anschluss an Kierkegaard,9 und dieser eine Satz zieht der ganzen Antwortmaschinen-Logik künstlicher Intelligenz den Boden weg. Wer bin ich, ist keine Frage mit einer objektiv richtigen Antwort, die irgendwo im Vektorraum liegt und nur abgerufen werden müsste. Sie lässt sich nur durch Erfindung beantworten, durch den Akt, nicht durch das Abrufen. Alan Watts wusste, dass jede Epoche einen Mythos braucht, der ihr Denken trägt, unsichtbar, weil er wie die Wirklichkeit selbst aussieht.10 Der Mythos unserer Zeit heißt Algorithmus: ein Wesen, das jedes Problem lösen kann, restlos, geduldig, sofort – und an genau einem scheitert, notwendig, für immer: an der Frage, wie ausgerechnet ich ein gutes Leben führe. Erst richtete Gott. Dann richtete die Natur. Heute soll es der Algorithmus richten – "AI does", wie eine Randnotiz es einmal in drei Worten zusammenfasste.11 Diese Antwort liegt nicht im Datensatz. Sie liegt in der Anstrengung, sie zu erfinden.

Leeres Kreuz aus Weidengeflecht auf Holzdielen – Symbol für den Verlust religiöser Sinnrahmen und die Suche nach dem nächsten Meta-Narrativ
Erst richtete Gott. Dann richtete die Natur. Derselbe Wunsch nach einem Akteur, der uns die letzte Frage abnimmt – nur mit neuem Namen.

Vier Ebenen, eine Regel: in der Zelle, im Widerspruch, in der Befriedigung, im Selbst – nirgendwo entsteht Wachstum ohne einen Widerstand, der nicht nachgibt. Synapse, Diskurs, Befriedigung, Selbst sind keine Abfolge, die man einmal durchläuft und abhakt. Sie sind der Maßstab für jede Zusammenarbeit mit einer künstlichen Intelligenz, die diesen Namen verdient – nicht ob sie hilft, sondern ob sie an jeder dieser vier Stellen etwas von mir verlangt, das ich mir nicht ersparen kann.

Was daraus folgt, ist keine Kapitulation vor der eigenen Disziplin. Es ist eine Forderung an das Werkzeug selbst. Eine Maschine, die mir in allem entgegenkommt, kann mich nicht formen – genauso wenig wie ein Trainingspartner, der jeden Schlag pariert, bevor er ankommt. Widerstand, der nicht von selbst da ist, muss eingebaut werden, absichtlich, gegen die eigene Bequemlichkeit gerichtet. Das ist keine romantische Forderung. Es ist die einzige Bauanleitung, die aus der ganzen Leiter – von der Synapse bis zum Selbst – tatsächlich folgt.

Ein Large Language Model wird an einem Ozean aus fremder Sprache trainiert – alles, was je geschrieben wurde, gemittelt zu der einen Antwort, die am wahrscheinlichsten gefällt. Was in mir entsteht, wenn ich mich stattdessen der eigenen Mühe stelle, ist etwas anderes: ein Self Language Model, könnte man sagen, wenn man den Begriff ernst nimmt, den dieses Zeitalter selbst gerade prägt. Meine Trainingsdaten sind kein Text. Sie sind das Ergebnis meines Nachdenkens, meiner Formulierungen, meiner Auseinandersetzung mit der KI – kurz: meiner Anstrengung: die feuernde Synapse, der ausgehaltene Widerspruch, die erkämpfte Befriedigung, das erfundene Selbst. Es lässt sich nicht herunterladen, nicht kopieren, nicht in eine Cloud verschieben. Es entsteht ausschließlich dort, wo einer bereit ist, den Widerstand nicht wegzuoptimieren. Das Selbst ist kein Datensatz, den man abruft. Es ist das einzige Modell, das sich nur an einem einzigen Leben trainieren lässt – und niemand kann dieses Training für einen anderen übernehmen, auch die klügste Maschine nicht.

Erschaffe dich selbst. Nicht trotz der Anstrengung. Durch sie.


1 Epikur, Brief an Menoikeus (ca. 300 v. Chr.).

2 Eric Kandels CREB-These (strukturelle Gedächtnisbildung durch anstrengende, wiederholte Aktivierung, Meeresschnecke Aplysia). Bereits in Der letzte Mensch und Wer ist Eric Kandel? belegt.

3 Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens (Goldmann, 2020), S. 143, im Anschluss an Albert van Helden und Thomas Hankins: "Instrumente bestimmen, was getan werden kann, [...] legen sie auch bis zu einem gewissen Grad fest, was gedacht werden kann."

4 Marshall McLuhan, Understanding Media (1964) – noch ohne eigenen Quellen-Eintrag auf dieser Seite.

5 Clay Shirky, Here Comes Everybody (2008) – noch ohne eigenen Quellen-Eintrag auf dieser Seite.

6 Sokrates' Elenchus-Methode, überliefert primär durch Platons frühe Dialoge. Vgl. auch Mach mir nicht alles recht.

7 Precht, ebd., S. 132.

8 Aristoteles, Nikomachische Ethik – Eudaimonie als Tätigkeit, nicht als erreichter Zustand. Vgl. Wer ist Aristoteles?

9 Precht, ebd., S. 85 – Prechts Paraphrase von Søren Kierkegaards Existenzbegriff, kein wörtliches Kierkegaard-Zitat (im Original ohne Fußnote, anders als das direkt zuvor zitierte Kierkegaard-Zitat).

10 Alan Watts – mechanistisches vs. keramisches Weltmodell, wie ein Mythos das Denken einer Epoche trägt. Vgl. Wer ist Alan Watts?

11 Precht, ebd., S. 99 (William Paleys "God does", von Darwin zu "Nature does" verschoben); "AI does" als eigene Randnotiz zur Lektüre.

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